Adam, Eisbär, weiß wer…:
Wir sind es, die den Krug
zerbrochen haben

Wie richten, wenn man selbst der Schuldige ist? Eine absurde Situation, die Kleist in seinem Lustspiel vom Krug ins Werk gesetzt hat und die Theatergruppe der Ernst-Göbel-Schule zusammen mit Kleists Textvorlage in neue Extreme führt. Die Inszenierung macht uns selbst zu Schuldigen unserer eigenen Voreingenommenheit, die wir vor der Situation stehen, urteilen zu wollen – nämlich über das Stück.

Es hätte eine Schulinszenierung nach Kleists Textvorlage werden sollen, heißt es zu Beginn. Aber schon fangen die Figuren an, sich zu beschweren, die Textvorlage sei zu lang, und man könne sich nicht mehr an alle Einzelheiten der Handlung erinnern. Wurde bei Kleist auch nicht irgendwo ein Eisbär erwähnt? Was mit Kleist beginnt, ufert aus in eine Quizshow, eine Liebesbekundung für den Eisbären Knut und eine Hommage an das tragische Ende des Films Titanic. Die ganze Inszenierung ist eine Collage aus showartigen Szenen, die mit flackerndem Licht (ganz so, als würde man einige Kanäle weiter zappen) voneinander getrennt sind.

Seltsamerweise fesselt jedes Abweichen von der Textvorlage unsere Aufmerksamkeit. Ein Beispiel: Die Frage, ob in Kleists Stück ein Eisbär vorkommt, mag absolut unwichtig sein, aber als die drei Marthe- und Eve-Verkörperungen mit Eisbärmützen und Eisbärhandschuhen ein Lied über Knut zu singen beginnen, kann man sich das Lachen kaum verkneifen. Ein anderes Beispiel: Als ihr eine Quizfrage gestellt wird, verlangt eine Figur den Publikumsjoker. Prompt gehen die Lichter der Publikumstribüne an, und als der Quizmaster die Antwortmöglichkeiten verliest, fühlt sich der Großteil des Publikums tatsächlich verleitet, fast schon gezwungen, die Hand zu heben. Obwohl jeder sich bewusst ist, sich nicht in einer Quizshow zu befinden, und durch seine Meldung den Lauf des Stücks nicht beeinflussen zu können. Tatsächlich meldet sich sogar die Mehrheit gewissenhaft für die richtige Antwort.

Eine ausgefuchstere Vorführung der eigenen Voreingenommenheit kann man einem Publikum kaum bieten. Diese Szene ist ein Paradebeispiel dafür, wie sehr unsere Erwartungshaltung durch Formate geprägt ist, und wie gerne wir uns ablenken lassen – und uns dabei sogar amüsieren.

Mit dieser Technik gewinnt die Inszenierung einen unheimlichen Drive, es wird getanzt, gelacht und gesungen, Fernsehformate werden parodiert, zwischendrin hört man immer wieder mal Kleist, und als nach einer Stunde alles vorbei ist, weiß man gar nicht, wie einem geschehen ist.

Was war nun noch einmal der Plot des zerbrochenen Kruges, wer hat was gemacht? Und worüber haben wir uns die ganze Zeit so amüsiert? Unserer eigenen Beeinflussbarkeit schuldig sind wir der Einladung des Stücks gefolgt, auf es hineinzufallen, und hatten dabei großartigen Spaß. Anstatt auf Kleists Verstrickungen zu achten, hat sich unsere Aufmerksamkeit teils unwillkürlich, teils bewusst von üblichen Denk- und Erklärungsmutern aus Fernsehen und Unterhaltung verleiten lassen. Und nun fragen wir uns, wie wir das Stück fanden, dem wir gerade eben noch auf den Leim gegangen waren.
Nicht anders lässt Kleist in seinem Stück die Tücken des Missverstehens lebendig werden, in der Ermittlung nach dem, der den Krug zerbrochen hat: Die üblichen Erklärungsmuster können den Dingen, die geschehen sind, nicht gerecht werden, und genau das hält die Handlung in Gang. Mit »Adam, Eisbär, weiß wer« hat TEGS eine moderne, unterhaltsame Inszenierung ganz im Sinne Kleists geschaffen.

Foto: Dave Großmann