Adam, Eisbär, weiß wer…:
Trass und Halligalli

Doppelstockbetten, Kuscheltiere, Allongeperücken, Eisbärenmützen und eine Gitarre: Das Bühnenbild ist bei den Odenwäldern Programm. Ihre Produktion »Adam, Eisbär, weiß wer…« ist ein Potpourri aus Klassenfahrt und Quizshow, Dorftribunal und Schlagerabend, Deutschunterricht, DVD-Abend und Bundestag, mit musikalischen Einlagen und Untermalungen, Bezügen zu Fernsehen, Film und Politik und jede Menge trashigen Kostümen. Fernsehen meets Theater meets Musical meets Streichelzoo.

Texte (im Allgemeinen) sind zum Angreifen da. Angreifen im Sinne von Attacke und Angreifen im Sinne von Greifen, von Andocken. Das ist etwas, das man meistens (wenn überhaupt) erst nach der Schule lernt, leider, und umso fetziger ist es also, der Theatergruppe der Ernst-Göbel-Schule (TEGS) dabei zuzusehen, wie wunderbar respektlos sie Kleists (ohnehin schon Lustspiel) »Der zerbrochene Krug« zu einer Art Mega-Show mit Zap-Faktor verwursten, zerrupfen: Ein Text ist, was du draus machst. Das Ensemble nutzt Kleists Text als Assoziationsplattform, seine Motive als kleine Knötchen für den berühmten roten Faden, um am Ende dann doch erzählen zu können (Faden hin oder her), was ihnen wichtig ist, ihnen im Odenwald, ihnen im 21. Jahrhundert.

Als rauskommt, dass der Richter Adam höchst selbst den Krug zerbrochen hat, sorgt das zwar zunächst für Verwirrung, doch dann wird schnell klar, wie man verfahren muss: »Weiter, es muss jetzt jemand bestraft werden!« Und dann folgen Politiker-Reden, die sofort den deutschen Rücktrittsmarathon der letzten Monate (oder so) auf den Plan rufen, und das bestechend treffend. Medienkritik mit Titanic-Debakel (Kate und Leo), Knut-Trauer (Knut und Thomas), Millionen-Quiz (Günther und ?) und Abschiedsreden (Karl und Christian, zum Beispiel). Wir, die hilflos strampeln, um nicht unterzugehen (wie Leo), im Meer der öffentlichen Meinung(en) zum Beispiel, irgendwo zwischen Schein-Wissen und Schein-Emotionalität.

Und doch – unterhält diese Fernseh-Satire einen ja, und reiht sich damit doch irgendwie ein in die große (böse?) Entertainment-Maschinerie (oder?), und damit wird schnell deutlich: So einfach ist das alles nicht; eben so wie bei Adam, der als TEGS-Dorfrichter eigentlich mehr leidet als manipuliert, sogar mit Platzwunde am Kopf. Und das ist vielleicht das Beste an dieser Produktion: Da soll es keine Antworten geben, an diesem Abend, kein Pamphlet und auch kein Fernsehverbot. Außerdem erzählen die TEGSer auch immer wieder von sich, von ihrem Jungsein, mit Kleist oder ohne, von Klassenfahrt und nervigen Deutschstunden, von Romantik (»Wenn wir nur zusammen sein können, wenn wir träumen, will ich ab jetzt für immer schlafen.«) und der ersten Fahrprüfung. Vielleicht sieht man es dem Ensemble auch deswegen nach, dass sie sich letztlich doch ein wenig verlieren – in zu viel Assoziation, zu viel Trash, zu viel Gag. Zum Ende hin ist doch viel untergegangen im Kleist-Kanal: die Figurenkonstellation Eve-Marthe-Ruprecht zum Beispiel, das Klassenarbeitsvorbereitungscamp, und vielleicht auch die Stille – vor lauter gesanglichen Untermalung. Parodie kann eben auch mal am Trash ersticken; Glitzerfühler, Eisbärenmasken und Superman-Unterhose – funktioniert das alles gleichzeitig? Und warum müssen Mädchen eigentlich immer rosa oder weiße oder weiß-rosa Kleider tragen? Müssen Kleider kurz sein, wenn es gar nicht um Mädchen geht, um Körperlichkeit oder Sexualität oder zumindest um Herzblätter? Und kann es bei Höhepunkten-non-stop überhaupt noch Höhepunkte geben? Oder hä oder wie?

Trotzdem – man will nicht wegschalten bei diesem TEGS-Fernsehspektakel, man will dranbleiben, man will sich überfluten und überfordern lassen, immer weiter, man will noch mehr Odenwalder Kreativität und Halligalli – man will ein Eisbär sein, irgendwie.

Foto: Dave Großmann