Adam, Eisbär, weiß wer…:
»Geil, aber Gender«

Im Theater über Gender zu reden, ist ja immer so eine Sache. Und dann auch noch im Jugendtheater, da befindet man sich plötzlich auf ganz gefährlichem Terrain. Aber eigentlich müsste es sein: gerade im Jugendtheater, denn es ist ja eben die Zeit der Adoleszenz, in der Selbstbilder und -wertgefühle besonders fragil und verletzbar sind.

Der gestrige Abend war flott, knackig, süß, bunt, trashig. Kleists Krug zerbrach da plötzlich inmitten einer jugendherberglichen Klassenzimmer-Ästhetik. Dann wurden die Medien auf die Schippe genommen: von Barbara Salesch über Günther Jauch, Klingeltongedudel oder Titanic-Herzschmerz. Es sollte wie eine Plattform zum Ausprobieren wirken für die SpielerInnen. Es wurden Assoziationen, Interpretationen, Ideen vorgestellt. Einige dieser Ideen sind besonders gelungen, zum Beispiel die gesellschaftskritische Krug-ist-gleich-Knut-ist-gleich-Titanic-Analogie: Die wunderbare Perfidie der medialen Aufbauschung von verwaisten Eisbärbabys und Katastrophenstorys, sowie des Kaputtgehens eines bescheuerten Kruges. Die SchülerInnen aus Höchst sollten auch etwas über ihre Realität erzählen gestern. Doch das ist nicht wirklich gelungen.

Die SpielerInnen selbst schienen sich nicht ganz im Klaren zu sein über die Metaebenen ihrer Inszenierung. Das kann peinlich werden. Man hat dafür zu sorgen, dass sich SpielerInnen wohlfühlen mit dem Stück, dass sie sich für das Stück entscheiden, das sie wissen, was sie damit ausdrücken wollen. Wenn da nach durchschaubaren Kriterien sortierte Marthes und Eves unsicher über die Bühne huschen, dann muss man sich fragen, wer da nicht aufgepasst hat oder was das soll. Gerade bei dem kritischen Anspruch, den das Stück auf der abstrakten Ebene stellte. Da müsste man dann eher mit einer gewollten Typisierung spielen und sich der aber auch bewusst sein, mit allem Unwohlsein, was dazugehört. Die SpielerInnen aber kamen mir beizeiten benutzt vor, und das war unangenehm. Die Schultheater-Ästhetik war zwar da und charmant, aber dann schien plötzlich wieder etwas anderes durch: Jemand, der die SpielerInnen dort aufgestellt hat, durchinszeniert hat und Interpretationsebenen vorgegeben hat. Diese Ebenen waren sicherlich intelligent durchdacht, schienen aber nicht von den SpielerInnen selbst zu kommen. Und dann noch so grobe Faux-Pas zuzulassen, wie die unangenehme Typisierung,, steht nicht im Dienste der Aussage des Stückes und ist unsensibel den SpielerInnen gegenüber.

Ich habe mir mehr sichtbare Verantwortlichkeit gewünscht gestern, dann wären die beinahe genialischen Einfälle zu Kleists Krug auch konsequenter angekommen. So bleibt es irgendwie auch ein zwiegespaltener Abend, zwischen Trash und Peinlichkeit, zwischen Spaß und Unwohlsein.

Foto: Dave Großmann