Abstand bekommen vom eigenen Müll

Als hochprofessionelles Journalist*innenteam fragen wir natürlich regelmäßig anderen Leuten Löcher in den Bauch. Heute: Lea und Felipa haben es sich mit Sigourney, Kate und Aaron vom SOS Ensemble Stirb oder Spiel in der Kuschelecke gemütlich gemacht.

Erst einmal: Wie lief es denn am Samstag für euch?

A: Für mich persönlich war es hammergeil, es hat sehr großen Spaß gemacht. Ich wollte nicht mehr aufhören zu spielen. Das war jetzt unsere fünfte Aufführung, im größten Saal, in dem wir je gespielt haben, und für mich war es eine der besten.

K: Für mich war es auch einfach sehr riesig, hier zu sein und hier zu spielen, ich war wahnsinnig aufgeregt und dann sehr erstaunt über unsere Gruppe – es hat mir einfach Spaß gemacht, meine Leute spielen zu sehen.

S: Ich fand es vor allem toll, das mit der Gruppe zu machen. Wenn alles drunter und drüber läuft, man aber merkt, dass man sich auf die anderen verlassen kann.

 

Wollt ihr uns vielleicht ein bisschen von eurem Ensemble erzählen?

S: Bei SOS geht es darum, Jugendlichen eine Anlaufstelle zu geben, die nicht den klassischen Weg von Abitur, Studium etc. gehen oder gehen wollen und auch das Theater vielleicht nicht schon immer als Ziel hatten. Es geht in dem Projekt auch wirklich nicht nur um Theater. Es ist ein Teil davon, dass man am Ende ein Stück inszeniert, aber es geht auch sehr viel darum, an sich zu arbeiten, sich gegenseitig wahrzunehmen und zu forschen: Wer bin ich? Was gibt es für Möglichkeiten? Welche Verantwortung habe ich in der Gesellschaft? Wir sind keine klassische Institution, hinter uns steht kein großes Theater. Wir sind ziemlich unabhängig und proben in einer Jugendgemeinde, die uns freundlicherweise einen Raum zur Verfügung gestellt haben.

K: Ich hatte noch nie in meinem Leben so eine Gruppe. Das sind mittlerweile auch meine einzigen Freunde, mit denen ich wirklich was mache. Für mich geht es hier um diese Gruppe, es ist nicht nur Theater, sondern das soziale Miteinander. Das ist ein Privileg für uns, und dafür bin ich dankbar, denn wir haben uns irgendwie gefunden. Und dann sind wir halt alle “schwer zu erreichende Jugendliche”, wir haben diesen Stempel bekommen, wir sind vom Jobcenter finanziert und kamen über die Sozialmaßnahme hierher. Das kann ja auch total nach hinten losgehen und dann wird das gar keine Kunst, aber hier hat es scheinbar geklappt. Und gerade deswegen ist es interessant, dass wir hier sind, weil wir aus diesem ganz anderen Kreis kommen, der gesellschaftlich als Randgruppe wahrgenommen wird.

A: Ich persönlich kam nicht vom Jobcenter, sondern habe von Bekannten von dem Projekt erfahren und wollte einfach Schauspiel und Theater machen. Und dann war ich plötzlich mittendrin, und es war viel mehr als nur Schauspiel für mich – ich wurde an meine Grenzen gestoßen, es ging um Themen aus meiner Vergangenheit. Alle in unserer Gruppe haben ihre eigene Geschichte. Wir haben wirklich zueinander gefunden, sind füreinander da. Und dass wir jetzt bei den Berliner Festspielen gelandet sind, das kann ich persönlich immer noch nicht richtig glauben.  

K: Es ging einfach darum, dass man überhaupt anfängt, wieder etwas zu tun und sich mit etwas zu beschäftigen, nicht nur für sich alleine, sondern in die Begegnung mit den anderen zu gehen. Und ein bisschen Abstand zu bekommen von dem ganzen eigenen Müll, den man auch mit sich rumträgt.

Kommen wir noch mal zu eurem Stück zurück. Ihr habt ja Molière gespielt – Warum „Der Menschenfeind”?

A: Das Stück war vom Projekt vorgegeben. Wir haben uns da rangetastet, das Stück erst in moderner Sprache gelesen und die Rollen kennengelernt, uns mit diesen Personen auseinandergesetzt und versucht herauszufinden: Was wollen die voneinander?

K: Wir haben uns gefragt: Warum spielen wir Molière? Und warum ist das im 21. Jahrhundert immer noch interessant? Wir haben es dann dramaturgisch auf die sozialen Netzwerke bezogen. Da geht es darum, dass ja kaum echte Begegnungen stattfinden, es ist viel Trug, es ist viel Schein, und Alceste hat keine Lust mehr, der lehnt sich auf gegen diese ganze Heuchelei und das ganze Gefälschte. Und da ist schon eine Parallele  dem 21. Jahrhundert, mit Facebook und diversen sozialen Netzwerken, die es einem schwer machen, dass man sich wirklich begegnet.

S: Dann kommen natürlich der Blaue Salon und der König dazu. Damals war es ja so: Man kommt in diese Salons, man stellt sich dar, die Leute treffen sich und reden und dort passiert der ganze Gossip. Und jetzt ist es ja irgendwie genauso, man kann sich in den sozialen Medien darstellen, wie man will, schreiben, was man will. Und da ist diese große Langeweile, diese ganzen Banalitäten, die Leute tauschen sich über Quatsch aus, reden übereinander, anstatt sich, damals, gegen den König aufzulehnen. Und es ist, glaube ich, auch jetzt wichtig für jugendliche Menschen, sich damit auseinanderzusetzen, warum man eher bei Facebook hängt, statt raus zu gehen.

A: Und dann sieht man zum Schluss bei der Célimène, dass es ihr eigentlich gar nicht gut geht, damit, wie sie sich präsentiert und wie ihr alle nachlaufen.

S: Célimène hat allgemein eine große Rolle für uns gespielt, weil wir uns oft gefragt haben, wer denn diese Frau ist und es auch sehr unterschiedliche Haltungen ihr gegenüber in der Gruppe gab. Es ging oft um das Bild der Frau damals, warum sie damals so verpönt war, obwohl oder gerade weil sie eine der ersten Frauen war, die selbstständig so einen Salon geführt hat. Und am Schluss wird sie ja auch von allen fertig gemacht. Und deshalb ist das für mich schon auch ein großes Thema: Wie man sich als Frau darstellt und wie man beurteilt wird.

Ein ganz großes Dankeschön an euch und weiterhin viel Erfolg!