Abschied von Happyland

Eine weiße Person schreibt über Rassismus. Kann das gut gehen? Der Versuch einer Antwort nach einem Workshop für Spielleiter*innen im Rahmen des TTJ.

Da ist diese Unsicherheit. Jetzt, in dem Moment, wo ich anfange, einen Text über den Workshop „Weiße Privilegien und rassistische Sozialisierung“ zu schreiben, ist sie wieder da. Die Angst, jemanden durch ungewollte Ausgrenzung oder Fremdzuschreibung zu verletzen. Weil ich aus einer privilegierten weißen Position heraus spreche, in der ich mich nicht tagtäglich mit Rassismus am eigenen Leib auseinandersetzen muss. Habe ich überhaupt ein Recht, als Weiße*r über Rassismus zu schreiben? Reproduziere ich damit nicht nur ein jahrhundertealtes soziales Konstrukt, das ich eigentlich bekämpfen will?

Der von Tupoka Ogette und Stephen Lawson geleitete Workshop war nicht darauf angelegt, diese Unsicherheiten zu beseitigen. Im Gegenteil: Wir gaben ihnen einen schützenden Raum und verstanden sie als hilfreichen Anstoß für den ersten Schritt raus aus Happyland – der Komfortzone der weißen Mehrheitsgesellschaft. Wer unsicher ist, achtet mehr auf seine*ihre Umwelt und ist eher bereit, das eigene Handeln zu hinterfragen.

Dies zeigte sich auch im Laufe des Vormittags, als wir uns nach einem Input zur Definition des Rassismusbegriffs mit einer Sammlung von Bildern und Texten beschäftigten, die verdeutlichen, dass unser Alltag von rassistischem Gedankengut durchdrungen ist. Werbung für Schokoeis, Spielekonsolen oder Leihwagen greift auf herabwürdigende Vorurteile in den Formulierungen zurück. In einem Biologielehrbuch von 2017 wird ein europäisches Hochzeitspaar einem “kenianischen Häuptling mit Frauen und Kindern” gegenübergestellt. Nicht nur die Aktualität der Beispiele ist schockierend. Man fühlt sich ertappt, weil man einige der Beispiele im Alltag vielleicht als geschmacklos, aber nicht unbedingt als diskriminierend eingeordnet hätte. Besonders brisant ist das bei Medien mit „Wahrheitsanspruch” wie einem Lehrbuch, das selten hinterfragt wird und rassistische Weltbilder schon im Kindesalter verfestigt (siehe dazu auch den Doll Test).

Besonders viel Unsicherheit herrschte für die Teilnehmenden bei der Vermeidung von rassistischer Sprache. Verschiedene Begriffe sollten in die Kategorien “Fremdbezeichnung” und “Selbstbezeichnung” eingeordnet werden. Dabei stellte sich heraus, dass auf den ersten Blick harmlose Wörter diskriminierend sein können, wenn sie in ihrem Inhalt eine Normabweichung oder ein Anderssein beschreiben. Gleichzeitig wurden die weißen Teilnehmenden bekräftigt, die Erkenntnisse nicht als Redeverbote zu verstehen. Wer sich kritisch über das eigene Weiß-Sein äußert, zeigt damit, dass sie*er sich der Gegenwärtigkeit von rassistischen Strukturen bewusst ist.

Auch über die Inszenierung von Rassismus im Theater wurde in der Gruppe diskutiert. Besonders problematisch ist das Aufgreifen von Stereotypen, was meist eine Reproduktion von Vorurteilen und Diskriminierung zur Folge hat. Das Stück „SORRY“ ist hier ein prominentes Beispiel. Die Gemeinschaftsproduktion der Berliner Performancegruppe Monster Truck und des nigerianischen Choreographen Segun Adefila wurde einerseits als ironischer Kommentar zum Postkolonialismus interpretiert, andere sahen darin eine stumpfe Verbreitung von rassistischem Gedankengut.

Dabei ist wichtig festzuhalten: Es reicht, wenn die Wirkung einer Aussage rassistisch ist. Die Intention einer Aussage ändert nichts daran, ob diese als verletzend aufgefasst wird oder nicht.

Oft fällt die Inszenierung von Rassismus auf der Bühne so übertrieben aus, dass man sich als weiße Person im Publikum sehr leicht davon distanzieren und mit einem guten Gefühl nach Hause gehen kann. Sinnvoller wäre es, zugunsten von Reflexion und Schwarzem Empowerment auf solche „Schockszenen“ zu verzichten. Um Rassismus problematisierend darzustellen, könnte man ebenso weiße Privilegien hinterfragen. Das kann wesentlich unbequemer für das Publikum sein als eine unreflektierte Gewaltorgie auf der Bühne.

Am Ende des Workshops blieb bei den Teilnehmenden eine positive Unsicherheit zurück. War dieses Gefühl zu Beginn noch der Angst geschuldet, sich nicht angemessen zum Thema Rassismus äußern zu können, haben wir sie am Ende als Grundvoraussetzung akzeptiert, überhaupt miteinander ins Gespräch zu kommen.

Die Unsicherheit wird bleiben. Schon ihre Existenz ist eine Errungenschaft. Sie ist Grundvoraussetzung für den nicht-endenden Prozess, sich der eigenen Privilegierung bewusst zu werden.