ABC der Choreographie:
V wie Voguing

Von Voguing ist in diesem Sommer in Berlin viel die Rede. Nicht nur beim Tanztreffen der Jugend, auch beim „Tanz im August“ sprach man vom Voguing. Denn der wurde dieses Jahr mit Trajal Harrells „Antigone Sr. / Twenty Looks or Paris is Burning at the Judson Church (L)“ eröffnet. Der stellt sich in dieser Produktion die Aufgabe, antikes Theater, die Avantgarde der Judson Memorial Church und eben Voguing zusammenzubringen.

Madonna mag mit ihrem Musikvideo „Vogue“ den Tanzstil 1990 populär gemacht haben. Seinen Ursprung hat er aber eigentlich im Harlem der 1960er. Dort entstand er in der Subkultur der afro- und latinoamerikanischen Homosexuellen- und Transgender-Szene. In sogenannten ‚Bällen‘ traten Gruppen, sogenannte ‚Häuser‘, gegeneinander an. Der Tanzstil, der sich bei diesen Wettbewerben herausbildete, erhielt seinen Namen in Anlehnung an die bekannte Modezeitschrift. Denn es ging darum, Bewegungen der Modewelt umzusetzen. Das Einnehmen von Posen und das Entlangschreiten auf dem Laufsteg wird beim Voguing zum Tanz gemacht.

Einen Einblick in die Entwicklung der „ball culture“ und des Voguing bietet der Dokumentarfilm „Paris is Burning“ von 1990, auf den auch der Titel von Harrells Stück anspielt.

 

Workshop-Leiterin Georgina Philp. Foto: Dave GroßmannPosen als Tanz, aber auch: Tanz als Pose. Und: Identität als Pose. Wenn im Voguing ausdrucksstarke Posen dargeboten werden, so geht es nicht um einen authentischen Selbstausdruck. Beim Voguing geht es ja gerade nicht darum, das authentische Ich, die eigene Identität, in Bewegungen auszudrücken. Schließlich ist Identität nichts Festes, sondern wird immer wieder in einzelnen Situationen verhandelt und neu hergestellt. Voguing geht offensiv um mit dem Rollenspiel, das Identitätsbildung ist. Es ermuntert dazu, sich die Rollen, die Posen, die eigene Identität selbst auszusuchen.

Das kann man natürlich mit viel akademischer Theorie über Identität, Performativität, Gender und Race unterfüttern. Und dann könnte man vielleicht auch noch – in Zusammenhang mit Madonna – über Mechanismen der kulturellen Aneignung nachdenken. Aber im Vergleich zum Glamour und Pop, das von dem Tanzstil ausgeht, wirken Überlegungen dieser Art dann doch etwas zu dröge. Darum gibt’s hier lieber Impressionen vom Voguing-Workshop, der hier beim ersten Tanztreffen der Jugend stattfand.

Fotos: Dave Großmann