ABC der Choreographie:
K wie Klauen und Kopieren

Wie problematisch die unrechtmäßige Aneignung fremder Gedanken und Ideen – also der Diebstahl geistigen Eigentums – sein kann, wurde zuletzt besonders durch die „Plagiatsaffären“ deutlich: Verschiedenen deutschen Politiker*innen wurde vorgeworfen, sie hätten Teile ihrer Doktorarbeiten „abgeschrieben“ oder übernommene Passagen nicht ausreichend gekennzeichnet. Imageverlust oder das frühzeitige Ende der ein oder anderen vormals aufstrebenden Karriere waren die schmerzhafte Konsequenzen des Klauens.

Aber nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch im Tanz ist der Diebstahl geistigen Eigentums nicht selten: Im Jahr 2011 veröffentlichte beispielsweise die Musikerin Beyoncé Knowles ein Musikvideo zu ihrer Single „Countdown“. Prompt wurde ihr  vorgeworfen, sie habe die Bewegungsabfolgen, die in ihrem Video zu sehen sind, von der belgischen Choreografin Anne Theresa de Keersmaeker abgeschaut. Im Netz kursieren einige Videos, die die Ähnlichkeiten zwischen beiden Choreografien herausstellen – also dem „Original“ Keersmaekers und der „Kopie“ Beyoncés. Ob Beyoncé wusste, was sie da tat?! Diese Frage bleibt leider unbeantwortet, da sie sich aller Anfeindungen zum Trotz öffentlich nicht positionierte.

Aber schaut einfach selbst:

Kopie gleich Diebstahl oder Hommage?

Im Kommentarfeld bei Youtube wird jedenfalls die Frage verhandelt, warum Beyoncé kopiert hat: Entweder wirft man ihr mangelnden Originalitätsanspruch vor, also fehlende Kreativität – oder aber man begründet vereinfachend, bei der Kopie handle es sich ja nur um eine gelungene Ode, eine Hommage an Keersmaeker. Fakt ist: Beyoncé hat Keersmaeker vor der Übernahme ihrer Tanzpassagen allerdings NICHT gefragt. Außerdem hat sie die belgische Künstlerin nicht öffentlich zitiert. Die Kopie wird also zum Diebstahl – Von Hommage kann nicht mehr die Rede sein, da der Ursprung des kopierten Materials nicht als solches sichtbar gemacht wurde! Dieses Fehlverhalten werfen ihr viele Kritiker*innen vor – und genau dort liegt der ethische Knackpunkt.

Während die Verletzung des Urheberrechts in den Künsten immer wieder für Diskussionsstoff sorgt, strukturieren die Gegenpole Original und Kopie den Diskurs. Die Frage nach der Urheberschaft ist im zeitgenössischen Tanz sehr schwer zu beantworten, während andere Künsten, zum Beispiel Literatur und Musik besser auf Plagiate überprüfbar sind, oder die Verfahren zur Feststellung auf Diebstahl festgelegter sind. Choreografien, oder längere Bewegungsabläufe können eventuell noch „überprüft“ werden, aber wem „gehören“ schon alltäglicheBewegungen – wie Gehen, Atmen oder sich durch die Haare fahren?