ABC der Choreografie:
F wie Film

Tanz, so sagt man häufig, ist flüchtig: In dem Moment, da die Bewegung sich vollzieht, vergeht sie auch schon. Vielleicht besteht daher so eine große Affinität zum Medium des Films. Zur Archivierung der Bewegungen, aus denen der Tanz besteht, scheint es eines anderen Mediums zu bedürfen – und was liegt da näher als der Film.

Die Produkte, die aus dem Miteinander von Tanz und Film entstehen, können dabei ganz unterschiedlich sein. Bereits in den 1960er Jahren hat die US-amerikanische Tanzwissenschaftlerin Allegra Fuller Snyder vorgeschlagen, dass sich Tanz-Filme in drei Kategorien einteilen lassen, je nachdem, zu welchem Zweck sie entstanden sind: Da gibt es erstens den Notationsfilm, der eher für die Tanzschaffenden selbst gedacht ist. Hier soll das Video dazu dienen, technische Details festzuhalten. Zweitens gibt es den Dokumentarfilm, der eine Aufzeichnung der Bühnenaufführung ist. Die dritte Kategorie von Tanz-Film nennt Snyder „Choreo-cinema“. Damit gemeint sind Filme, die nicht dazu dienen sollen, eine Choreografie zu dokumentieren und zu archivieren. Vielmehr werden hier die künstlerischen Möglichkeiten von Tanz und Film zusammengebracht. Man könnte auch sagen: Hier ordnet sich Film nicht dem Tanz unter, sondern steht als gleichberechtigter Partner neben dem Tanz.

 

Für Snyder sind Filme der Regisseurin Maya Deren ein Beispiel für diese dritte Art von Tanz-Filme. In „A Study in Choreography“ wird der Eindruck von Bewegung, der bei dem*r Zuschauer*in entsteht, nicht nur von den Tänzer*innen im Bild, sondern auch von der Führung der Kamera und den Schnitten zwischen den Szenen hervorgerufen.

Ein weiteres Beispiel für „Choreo-cinema“, das etwas näher an der heutigen Zeit ist, dürfte sicherlich der Film sein, der gestern Abend beim Tanztreffen gezeigt wurde: Rosas danst Rosas, Thierry de Meys Film von De Keersmaekers Choreografie. Zu einer effektvollen Verbindung von Film und Tanz kommt es auch in dem Film „Amelia“, den Édouard Lock mit seinem Ensemble La La La Human Steps und dem Kameramann André Turpin produziert hat. Bemerkenswert, wenn auch vielleicht etwas reißerisch finde ich zum Beispiel die Kamerafahrt ab Sekunde 58 des folgenden Videos, die mit einer Aufsicht auf das tanzende Paar endet. Sie trägt sicherlich dazu bei, dass der Tanz virtuos wirkt.