A Star is Born

Über den Unterschied zwischen “gemeint” und “mitgemeint”.

Vor kurzem bin ich auf dieses schöne Gedankenexperiment gestoßen. Vater und Sohn haben einen schlimmen Autounfall. Der Vater stirbt sofort am Unfallort, sein Sohn wird ins Krankenhaus eingeliefert. Einer der Chirurgen, die vor Ort sind und ihn behandeln sollen, sagt, “Ich kann die OP nicht machen, das ist mein Sohn”.

Was für ein Paradox. Ist der Vater nicht gerade gestorben? Wie kann dann einer der Chirurgen sagen, der Junge wäre sein Sohn? Ist der Vater doch nicht ganz ganz tot?
Oder könnte der Sohn vielleicht zwei Väter haben? Das ist eine mögliche Antwort, aber das Experiment will auf etwas anderes raus: Chirurgen sind natürlich nicht nur männlich.
Ist ja nur das generische Maskulinum. Die Mutter des Jungen ist Chirurgin. Tatsächlich kamen mehr Menschen auf die Lösung mit den zwei Vätern, als auf die, dass Chirurgen auch Mütter sein können – so die Essenz der Studie, in deren Rahmen die Aufgabe gestellt wurde.

Wenn von Ärzten, Chirurgen, Schauspielern gesprochen wird, sind natürlich auch Ärztinnen, Chirurginnen und Schauspielerinnen „mitgemeint“. Aber, jetzt mal ehrlich, wer denkt sie wirklich mit? Wenn ich von hervorragenden Autoren lese, denke ich an männliche Schriftsteller, nicht an Annette von Droste-Hülshoff oder Laura Naumann. Und wenn gefragt wird, wer von den FZ-Redakteuren diesen Essay schreiben wird, fühle ich mich höchstens mitgemeint. Denn ja, Sprache ist Ausdruck unserer Gedanken. Aber genauso ist es auch andersrum: Sprache formt auch unsere Gedanken. Und wenn ich immer von Chirurgen rede, denke ich auch fast immer an Chirurgen und nicht: “Ach nein, Chirurgen ist ja nur der grammatikalisch korrekte Plural, aber bestimmt sind in der Gruppe zu 99% Frauen.”

Um also nicht nur Männer anzusprechen und Frauen mitzumeinen, sondern alle anzusprechen und alle zu meinen, schreiben wir in gendergerechter Sprache, oder abgekürzt: wir gendern.

 

Gendern – aber wie?

Es gibt das „Binnen I“ für SchauspielerInnen, es gibt den Unterstrich, das „Gendergap“, für Schauspieler_innen und es gibt das „Gendersternchen“ für Schauspieler*innen. Man/frau kann konsequent das generische Femininum verwenden und nur noch von Schauspielerinnen schreiben und sprechen. Frau kann auch innerhalb eines Textes zwischen beiden generischen Geschlechtern wechseln oder ‚neutrale‘ Worte wie Person oder Mensch schreiben. All diese Methoden haben verschiedene Hintergründe und verschiedene Vor- und Nachteile.

Beim Gendersternchen, das die Bundeswettbewerbe verwenden, wird Raum gelassen für andere Geschlechter, die außerhalb der binären Einteilung in Mann und Frau liegen. Deshalb wird es auch manchmal als das „queere“ Gendern bezeichnet. Queer, weil queer ein Sammelbegriff für alle sexuellen Orientierungen und Identitäten ist, die nicht heterosexuell und Cisgender [Cis(gender) bezeichnet Personen, deren Geschlechtsidentität mit dem Geschlecht übereinstimmt, dem sie bei der Geburt zugeordnet wurden.] sind. Das Gendersternchen will also zum Beispiel auch nicht-binäre und genderfluide Menschen ansprechen.

Wenn ich also Schauspieler*innen schreibe, meine ich euch alle, egal mit welchem Geschlecht ihr euch identifiziert. Das ist das Ziel.

 

Gendergerecht sprechen

Beim Schreiben ist das natürlich schön machbar mit dem Sternchen, aber wie können wir gendergerecht sprechen?
Eine Freundin von mir erzählte vor kurzem von einem Gespräch mit einem Freund, der sie mitten im Satz unterbrach und fragte, ob sie einen Sprachfehler habe. Sie war natürlich ziemlich verwirrt. „Weil du immer über die Wortendungen stolperst.“ Sie sagt nämlich „Freund innen“, spricht also das Sternchen indirekt als kurzen Stimmabsatz mit.

Ja, das ist kurz etwas ungewohnt. Und dann wird es normal. So wie immer bei neuen Wörtern. So wie immer bei neuen Sachen. Aber wir können schließlich nicht nur gendergerecht schreiben und gleichzeitig eine Sprache verwenden, die Menschen ausschließt. Wir wollen jede*n ansprechen.
So wird die Mutter inmitten der Chirurgen nicht nur sichtbar, sondern auch hörbar. Wir wollen Sichtbarkeit. Und Hörbarkeit. Wir wollen alle erreichen, mit dem, was wir schreiben und sagen.

Und wollen wir nicht genau das auch mit Theater, mit Kunst generell: alle erreichen?

Sophie