99 Prozent:
Wir sind gekommen, um.

Meterhoch- und breit steht uns die aus Pappkartons gestapelte Mauer entgegen, die eingerissen werden soll und wird. Es ist eine Mauer von Vielen. Die aus Berlin natürlich, ganz konkret, aber auch die vielzitierten Mauern in Köpfen, Sinnbild für Widerstand und Dekonstruktion. Eine Mauer ist dann Mauer, wenn sie sich zerlegen lässt, wird zum steinernen Bild des Stachels, der dem System gezogen werden soll. Viele Beispiele ließen sich dafür finden, gleich zu Beginn werden uns via Ton- und Videoeinspielungen Referenzräume eröffnet: der erwähnte Mauerfall, Live-Berichte aus Demonstrationsbewegungen, Nine/Eleven. Das Versammlungsgesetz wird verlesen, jetzt endlich: Der Einsturz im Gegenlicht. Ein fulminantes Bild.
Die Zielsetzungen des Solinger spinaTheaters sind klar: Es soll sich empört werden und aufgeregt, der scheinbar erloschene Zorn neu aufgegossen. Die titelgebenden 99 Prozent sind wir, die sich nicht mehr unterdrücken lassen wollen vom Patriarchat des einen Prozent. Es geht gegen die Abholzung des Regenwaldes, Kindersoldaten, Massentierhaltung, Ausbeutung bei H&M, Datenschutz, die Euro-Krise: Es geht eigentlich um alles, politische Tabula rasa. Die Generation Facebook, die wir sein sollen, wird an ihr Thema herangeführt: Sie liken und sharen, werfen sich auf jeden Zug, der medial vorbeirauscht, sind Follower jeder revolutionären Bewegung und kreisen doch nur um sich selbst. Damit solle jetzt Schluss sein, die politische Müdigkeit soll einer Frischzellenkur unterzogen werden.

Das geschieht in kurzen, wütenden, direkten Monologen, in denen sich hauptsächlich aufgeregt wird. Über McDonalds, Nintendo, über die Schwierigkeit, eine Aktivistin zu sein. Es geschieht auch im angedeuteten Talkshowformat, „Eine Runde Mitleid“, in welcher der Moderator seine armseligen Kandidatinnen und Kandidaten mal so richtig ausheulen lässt über dies und das. Für 30 Sekunden, dann ist Schluss. Auch Ackermann bekommt sein Fett weg. Der mittlerweile ehemalige Vorsitzende der Deutschen Bank wird zur Abziehfigur seiner zockenden, existenzvernichtenden Bänker-Clique. Im Abzählreim wird seilgesprungen, die Millionen steigen – wer stolpert, der fliegt. So schnell und bilderreich erzählt sich das Stück, die Mauerkisten werden aufgestapelt und herumgeschoben, werden Versteck, Gefängnis, Fernseh-Tisch. Auch Tanzeinlagen fehlen nicht, beispielsweise zu Deichkinds „Bück dich hoch“, eine stylish choreographierte Absage auf die Mechanismen der Arbeitswelt (macht Spaß). Und es wird gesungen: „Das Herz ist ein Muskel in der Größe einer Faust“ – mit den Früchten des Zorns aus dem heimischen AZ auf die Theaterbühne. Alles ist wunderbar anzusehen und musikalisch unterlegt, stellenweise fantastisch, eindringlich gespielt.
Und auf der Stelle tretend. Wo führt sie hin, die Ausformulierung der eigenen Unfähigkeit, Revolution machen zu können (aus diversen Gründen)? Ich denke, dass im künstlerischen Prozess eine Art Gegen-Logik entwickelt werden kann, die über eine rationale Logik hinausgeht, die darüber hinausgeht, einfach alles auf die Bühne zu tragen, was einem zu einem Thema in den Sinn kommt.

Das wird zudem problematisch, wenn die Tendenz eines Sozial- und Gewaltpornos entsteht. In Netto-Tüten werden Menschen erstickt, ein Mädchen so lange geschlagen, bis das Publikum 70€ für das Theater spendet. Das weist auf nichts als Plattitüden hin, ist Selbstzweck und angewiesen auf die emotionale Wirkung dieser Drastik. Die Spielweise wird als eine partizipative verkündet, Eingriffe seien jederzeit möglich. Wahlweise durch das offene Mikrofon an der Bühnenrampe oder durch das sogenannte Human Mic, der verkörperte Lautsprecher. Aufstehen, „Mic Check“ sagen, seine Botschaft an die Bühne richten, und das Publikum skandiert mit. Das mit der Partizipation ist natürlich hanebüchener Unsinn: Eine Form wird nicht dadurch geöffnet, dass man es behauptet. In dem extrem geschlossenen Ablauf des Abends ist kein Eingreifen möglich. Unvorstellbar, dass jemand während einer Tanzszene die Bühne betritt, um seine Meinung über den Syrien-Konflikt kund zu tun oder seine Eltern zu grüßen. Das Machtmonopol der Bühne wird nie abgegeben, höchstens Statist dürfte man werden. Es ist ja auch gar nicht klar, was überhaupt gesagt werden soll. Das offene Mikro als leere Geste.

Es geht weiter. Das Publikum soll jetzt allerhand machen. Tabu spielen, Papierflieger fangen, irgendwas auf die Bühne brüllen und eben 70 Euro sammeln: Das ist Publikums-Instrumentalisierung, Effekte-Macherei. Ohne dass eine ironische oder intellektuelle Brechung stattfindet oder überhaupt etwas erzählt wird. Protest als Form wird genau zu dem medialisierten Kunstprodukt, das vermieden werden soll, zu einer Beschäftigungstherapie ohne Sinn und Richtung. Die Forderung an sich, man solle wütend werden, sich engagieren, klingt pädagogisch und ist politisch unterkomplex. Das Publikum wird pennälerhaft belehrt und seiner Eigenständigkeit beraubt. In dem Aufruf, ich solle „Ihr könnt mich alle mal am Arsch lecken!“ brüllen, von über dreihundert Mündern begleitet, komme ich mir veralbert, nicht ernst genommen vor. Das ist keine politische Äußerung, die anarchischen Potential hätte, aufrührerisches, die etwas freisetzen würde, was vorher blockiert lag: Das ist Dressur. Meine Meinung zur EU, zu H&M, zur Wirtschaftskrise passt nicht auf ein Plakat, lässt sich nicht in „Ihr könnt mich alle mal am Arsch lecken!“ zusammenfassen.

Ich möchte das „Ihr“ genauso wenig teilen wie ein „Wir“. Ich möchte nicht an der Erzeugung einer identitären Gruppe beteiligt sein, die so nicht existiert („die Jugend“, „die Mächtigen“). Dann geschieht das, was immer Gefahr läuft, zu geschehen, wenn blinde Wut, ungestümer Aktionismus versucht, Politik zu machen. Die suggerierte Politikmüdigkeit ist also vielleicht gar keine und die Jugend gar nicht unpolitisch, sondern im Gegenteil sehr wach und sich den komplexen Strukturen der Gegenwart bewusst. Es ist super, dass Ihr wütend seid, ich glaube wirklich an Zorn als wichtigen Motor für Kunst und Politik, aber nehmt mich nicht in Geiselhaft. Ich will mich nicht belehren lassen. Ich habe meinen eigenen Zorn.

Foto: Dave Großmann