99 Prozent:
Wanted Offenheit

Es ist so schön, wenn sie tanzen. Immer wieder baut das spinaTheater in seine Inszenierung stimmige Choreographien ein; die Spieler tanzen ganze Songs oder lassen eher nebenbei gemeinsame Bewegungsmuster ins Stück einsickern. Die sind gut geprobt und nicht kitschig, suggerieren dieses ironische Augenzwinkern, diesen provokativen Unterton, die Kritik oft vor Plattheit bewahren. So zum Beispiel, wenn sie zu Deichkind eine Art Ausbeutungschoreographie tanzen: „Bück dich hoch! Komm steiger den Profit! Bück dich hoch! Sonst wirst du ausgesiebt!“ Das sieht gut aus und macht Lust auf mehr (viel mehr!). Ein Vorzug dieser Tanzparts ist allerdings auch ganz einfach, dass die Spieler in diesen Szenen nicht sprechen.

Denn die überraschende Kraft, die diese Tanzszenen haben und die einen gewissen Assoziationsraum eröffnen, fehlt den Argumenten des Ensembles, und so passiert inhaltlich wenig Interessantes an diesem „99 Prozent“-Abend. Es geht ihnen um Ungerechtigkeit und Unterdrückung, um die Fehler im System und um selbstzerstörerisches Inkaufnehmen viel zu vieler Dinge. Aber eben viel zu viele Dinge sind es auch, die das (vielleicht vermeintliche) Interesse der Spieler ausmachen; von Massentierhaltung bis Kindersoldaten ist alles dabei, nur geht bei diesem Topic-Dropping die Möglichkeit auf inhaltliche Tiefe und echte Auseinandersetzung schlicht verloren. Das wäre auch gar nicht so schlimm, wenn „99 Prozent“ ein Stück über einen Diskurs wäre, über einen Weltverbesserungsdiskurs zum Beispiel oder darum, warum so viele nichts an dem ändern, worüber sie sich beschweren. Aber es scheint dem Ensemble aus Solingen doch viel mehr am Herzen zu liegen, dass das Publikum sich mit ihnen empört, richtig wütend, mit ihnen kampfbereit wird.

Und das ist wahrscheinlich das größte Problem der Inszenierung: dass sie so viel vom Publikum will. Die Zuschauer sollen Geld geben, Tabu spielen, aufstehen und sagen: „Ihr könnt mich mal am Arsch lecken!“ Mit dieser Forderung öffnet und schließt das Stück: „Ich will, dass ihr aufsteht und sagt – ihr könnt mich mal am Arsch lecken!“ Am Anfang steht niemand auf, am Stückende fast der ganze Saal. Aber ist das jetzt als Erfolg zu verbuchen? Wenn 300 Leute aufstehen und brüllen: „Ihr könnt mich mal am Arsch lecken“? Das ist weder provokativ noch neu und wirkt mehr wie etwas, das man andernorts als Stimmungsmache oder Agitation bezeichnen würde. Und will man das beim Theaterbesuch? Politik hin oder her, niemand wird gern instrumentalisiert, auch nicht im Theater.

Das spinaTheater macht gleich zu Anfang ein Versprechen, das es am Ende nicht einlöst: „Unser Stück ist offen.“ Da gebe es ein Mikro, das die ganze Zeit an sei; jeder könne jederzeit hingehen und hätte dann eine Minute Zeit, seine Meinung zu sagen. Da ergeben sich schon beim Konzept die ersten Probleme: Wenn man ein „offenes“, ein „demokratisches“ Stück machen will – warum haben die Spieler dann so viel Zeit, ihre Meinung zu äußern, wie sie wollen, und die Zuschauer nur eine Minute? Wer macht die Regeln? Wozu braucht man überhaupt Regeln? Das viel größere Problem ist aber, dass es im Stück gar keinen bewusst eingeräumten Raum für diese Meinungsäußerung gibt: „99 Prozent“ ist so durchinszeniert, mit Lichtwechseln, Multimediashow und jeder Menge Musik – an welcher Stelle sollte sich da das Publikum einschalten?

Das Vorhaben wirkt nicht aufrichtig, allein schon, weil man sich als Zuschauer oft gar nicht ernst genommen fühlt: „Da das relativ lange gedauert hat, machen wir erst mal was Lustiges mit euch“ – wer seinem Publikum eine so geringe Belastungs- und Aufmerksamkeitsspanne unterstellt, kann doch auf keinen echten Dialog aus sein? Dann soll die Pseudo-Offenheit mit einem gemeinsamen Tabu-Spiel unterstrichen werden (gesuchte Begriffe: Wettrüsten und Joseph Kony), aber wäre echte Offenheit nicht eher, wenn die Spielkarten nicht nur vom Ensemble kämen, sondern auch vom Publikum? Aber auf so viel Risiko, wie dass dann themenirrelevante Begriffe wie Blumenvase aufkämen, will sich die Produktion dann eben doch nicht einlassen.

Das Ensemble will Geld sammeln für ihre Theatergruppe. Dafür soll ein Mädchen so lange geschlagen werden, bis die Zuschauer zusammen 70 Euro gezahlt haben. So offen, dass das Geld, das tatsächlich dabei zusammenkommt und angeblich über 70 Euro beträgt, öffentlich gezählt wird, sind die Spieler dann auch nicht. Das Publikum muss die Behauptung einfach mal glauben und weiß eigentlich auch nicht, was genau denn mit dem Geld gemacht werden soll. Stattdessen gibt es noch eine verbale Backpfeife, denn das ganze habe “ja relativ lange gedauert”. Sieht diese Intransparenz nicht genauso aus wie die, mit der man sich im täglichen Leben so oft konfrontiert sieht und die das Ensemble eigentlich kritisieren will?

Man kann Machtstrukturen schlecht kritisieren, indem man selber welche schafft. Geld für die eigene Sache unter Androhung von Gewalt einzufordern, nennt man Erpressung. Und von jemandem verlangen, die Meinung eines anderen mit einer Masse laut in den Raum zu rufen (“mic check!”), hat mehr mit Instrumentalisierung als mit Befreien zu tun.

Es hätte ein tolles Tanzstück werden können, die Produktion des spinaTheaters. Und vielleicht auch noch viel mehr, weil da fähige und engagierte Schauspieler auf der Bühne standen. Aber dann hätte man erst anerkennen müssen, dass Wut vielleicht ein erster Schritt ist, aber nicht der ganze Weg.

Foto: Dave Gr0ßmann