99 Prozent:
The Voice. Of Germany?

Das junge Ensemble aus Solingen beherrscht famos das Handwerk des Theaters und schafft es, visuell ansprechende Momente zu kreieren. Trotzdem darf das große Lob nicht das einzige bleiben, was zu “99 Prozent” gesagt werden muss. Insbesondere das Paradox der Stimme ist ein zentraler Aspekt des Stücks.

Hinter der aus Pappkartons gebauten Mauer schwillt ein immer lauter werdender Sprechchor an. Die Stimmen bleiben zunächst noch einzeln verständlich, werden im gleichzeitigen Sprechen allmählich zur lauten Geräuschkulisse, dessen Inhalt unverständlich, dessen Zweck jedoch ganz klar ist: Wütendes Protestieren des Protests und der Wut willen. Damit ist die Essenz des Stücks von Beginn an präsent.

Die Regeln der akustischen Teilnahmemöglichkeiten werden aufgestellt. Es gibt ein offenes Mikrofon, das an den Rand der Bühne gestellt wird, sowie das Human Mic, das durch Partizipation der Zuschauenden entsteht. So wird das Mic dann gleich gecheckt – nur damit danach die zunächst zurückhaltende Teilnahme als nicht erbrachte intellektuelle Leistung dargestellt wird. “Vielleicht war es zu schwer”, tröstet die moderierende Spielerin. Wer nicht mitspricht, ist doof, heißt also die Devise. Und die zweite Wiederholung wird versucht. Es sprechen nun deutlich mehr mit, aber nicht alle. Dennoch: The show must go on. Das Human Mic wird gelobt. Nun müssen zuvor im Publikum gelandete Papierflieger entfaltet und mit dem Human Mic vorgelesen werden. Ein bekannter Satz: Ihr könnt mich alle mal. Der erste Zweifel an der freien Partizipation des Stücks ist allerdings geweckt: Wieso steht auf allen Papierfliegern das gleiche? Es ist eben nicht frei wählbar, was das Human Mic den Spielenden sagen kann. Für das Stück ist es wichtig, dass dieser eine Satz vorgelesen wird, sodass er immer wieder auftauchen kann und sich somit strukturell durch den geplanten Ablauf des Stücks durchzieht; damit die geplante Dramaturgie nicht durch individuelle Interaktion gestört wird. Partizipation kann hier nichts verändern. Das Versprechen von Partizipation ist lediglich funktionalisiert, um die Menge an Stimmen für einen Zweck zu mobilisieren. Auch das Tabu-Spiel ist ein Spiel des geregelten Redens.

All das ist auch eine starke Einsicht. Meiner Meinung nach steht diese Form aber im krassen Kontrast zu dem proklamierten Aufruf der Befreiung des Einzelnen, der Möglichkeit der subversiven Meinungsäußerung. Dies ist das Paradox zwischen Form und Inhalt in “99 Prozent”.

Was mit der Stimme der Spielenden gesagt wird, sind polemische Äußerungen. Es wird für den Wert des Krawalls geworben: “Ich möchte, dass ihr aufsteht und wütend werdet. Unser Leben hat einen Wert. Deswegen steht ihr alle auf”. Stéphan Hessel hat gefordert, “Empört euch!”; die Schauspielenden fordern dies nun von den Zuschauenden. Und erwarten dabei, dass Empörung nur eine Form annehmen kann, nämlich die laute und kollektive. Das stimmt so zwar nicht ganz – ist aber sicherlich viel spektakulärer und vermutlich spaßiger als die leise individuelle Empörung. Schade eigentlich, dass die Spielenden nicht auf die Nicht-Partizipierenden eingegangen sind. Was ist, wenn man einfach sichtbar sitzen bleibt? Dies als alternative Form der Empörung wahrzunehmen, hat keinen Raum im Spiel gefunden. Die behauptete Offenheit bleibt eine behauptete.
Die Zuschauenden werden Teil einer Mitsprache unter dem Vorbehalt, dass sie sich nur unter den geschaffenen Bedingungen äußern können. Ihnen werden Sätze in den Mund gelegt. Braucht man vorgeformte Worte, um diese dann mit katalysierender Wirkung selbst auszusprechen?

Darauf kann man “Nein!” antworten mit dem folgenden Argument: Wenn Person A obtruiert, was eine unterdrückte Person B passenderweise sagen soll und Person B es daraufhin tatsächlich sagt, dann ist es trotzdem die Stimme der Person A, denn es ist ihr Gedankengut in Sprache gefasst. Nachreden ist keine individuelle Stimme, keine individuelle Empörung. Das ist Mobilisierung. Das ist die Freude, einer Gruppe zuzugehören, die im Gleichklang mitmacht und dadurch eine auditive Kraft gewinnt. Das sind Mechanismen, die sich zur Manipulation anbieten.

Bis zum Ende, an dem einer rennend Variationen an “Wir sind”-Sätzen vorträgt, wird der Versuch verfolgt, sprachlich ein Kollektiv herzustellen. Durch das Mic Check stellt eine Spielende ironischerweise die Frage, “Wieso muss ich Versuchskaninchen des Systems sein”? Ist dies ein Meta-Verweis auf das, was mit dem Publikum geschehen ist?

Foto: Dave Goßmann