99 Prozent:
Nonsens statt Konsens

1. “I would prefer not to”
Menschen brauchen Gruppen. Unsere Familien sind Gruppen, unsere Freunde, unsere Stadt, unser Land. Wir identifizieren uns über Gruppen und ziehen unseren Selbstwert aus Gruppenzugehörigkeit . Deswegen herrscht in Gruppen eine besondere Dynamik. Man verhält sich öfter konform. Um akzeptiert zu werden, tut man Sachen, die man sonst nie tun würde. Gruppen haben eine starke Wirkung auf ihre Mitglieder. In Gruppen wirken Emotionen intensiver, Gruppen werden leichter aggressiv, soziale Normen können sich verschieben oder auflösen.

Auch das Theaterpublikum ist eine Gruppe. Es ist sich dessen zwar nicht immer bewusst, da es oft ein sehr kurzfristiges und anonymes Verhältnis angeht. Aber gerade im Partizipationstheater wird dieser Aspekt wichtig. Hier wird das Publikum mehr oder weniger eingebunden und zur Interaktion aufgefordert. Je offener und durchlässiger der Raum, desto mehr Interaktion kann es zwischen jedem Einzelnen geben. Desto eher werden sowohl Spielende als auch Zuschauende zu einer Gruppe. Gestern wurde von Anfang an eine klare Trennung zwischen Publikum und Spielenden erzeugt, allein durch die Ansprache als „Sehr geehrte Damen und Herren“ oder „Sehr geehrtes Publikum“. Es gab ein Open Mic, das faktisch nicht zum Einsatz kam (außer als es in einem wahrscheinlich gescripteten Beweis der Offenheit von einem der Spielenden benutzt wurde). Dann erklärten die Menschen auf der Bühne ihr offensichtlich favorisiertes Prinzip unserer “Partizipation”: Man rufe „Mic Check“. Nun wiederholen alle in der unmittelbaren Umgebung alles, was man sagt. Die Menschen auf der Bühne machten vor, das Publikum machte nach. Schnell hatten sich so zwei klar abgetrennte Gruppen gebildet, eine agierend, eine reagierend. Es hat so gut wie kein Versuch der Vermischung stattgefunden. Nicht einmal das Tabu-Spiel ließ Raum – die Begriffe wurden von den Spielenden gestellt. Der Gehorsam der reagierenden Gruppe wurde früh etabliert. Man spricht brav nach, was die Autorität vorgibt. Man lacht auf Trigger. Man macht mit.

Von Anfang an hat mir diese sehr starre Form der Gruppenbildung und Partizipation Unbehagen bereitet. Wer hatte noch so ein mulmiges Gefühl im Bauch? Allein die Form ließ ein Ausdruck dieses Gefühls nicht zu. Und dann die Klatschszene. Ein an sich schon fragwürdiges Mittel, um sozialen Druck aufzubauen. Doch sogar hier kamen Handlungsoptionen zum Auflösen des Drucks von derselben Gruppe, die den Druck auslöste: Die 70€ kommen angeblich erfolgreich zusammen. Die Autorität bestätigt sich selbst. Dann das Ende – ein klarer Befehl: „Steht auf und schreit!“ Man gehorcht. Mehr als dreihundert Menschen fühlen und denken also in diesem Moment „Ihr könnt mich alle mal am Arsch lecken!“ und haben das Verlangen, dies mitzuteilen? Es fällt mir schwer, das zu glauben.
Die Konditionierung war anscheinend erfolgreich. Spina hat uns gezeigt, wie einfach man Gruppen bewegen kann.

2. Die Erfindung des Punk
Der soziale Druck war sicher auch Intention des Stücks. Uns mit uns selbst zu konfrontieren. Ich unterstelle 99% aber auch ein politisches Anliegen. Das Publikum wurde mit mehr oder weniger aktuellen Schlagwörtern getriggert: Ackermann, die D-Mark, Griechenland, Invisible Children, Libyen, Kindersoldaten, die Finanzkrise, Umweltzerstörung, die Lebensmittelindustrie, Drohnen, McDonalds, Joseph Kony, der Arabische Frühling, Polizeigewalt, Kapitalismus. Das ist ein Mittel der Konfrontation mit uns selbst. Das regt einen Diskurs über den Diskurs an. Darüber, was diese Begriffe mit uns machen. Wie wir mit Diskurs umgehen. Dann befänden wir uns auf der Metaebene, dort, wo das Stück lieber hätte bleiben sollen. Doch es blieb nicht. Es nahm seine politische Message (dass alles scheiße ist und das nur mal jemand sagen muss?) ernst. Wir sollten uns empören, aufregen, ausrasten. Von uns wurden Emotionen verlangt (McDonalds ist voll scheiße, oder?), uns wurden Emotionen unterstellt (Ihr seid doch auch voll unglücklich!). Ohne, dass auf irgendeine Thematik, sei sie auch noch so durchgekaut, eingegangen wurde. Ohne, dass eine auch nur halbwegs profunde Argumentation geliefert wurde. Ohne irgendeine Background-Information. Und forderte dafür ungerichtete Empörung. Nämlich, dass alle sich mal am Arsch lecken lassen sollen. Toll! Anarchie!

Foto: Dave Großmann