99 Prozent:
Ich lass mich so lange schlagen,
bis ihr 70 Euro gespendet habt.

Das Publikum wird unruhig, geradezu panisch. Meint sie das ernst? Ja, denn direkt nach dieser Ansage stellt sich das Mädchen vor ihrer Gruppe hin und lässt sich ohrfeigen. Die einen erinnern sich an Jackass und lachen, andere erregt es und sie rufen ,,fester‘‘. So schnell wie die Szene angefangen hat, so schnell ist sie wieder vorbei; ob die 70 Euro tatsächlich gesammelt wurden, ist zweifelhaft. Das Publikum wurde erpresst.

Nicht nur das, das Publikum wurde auch getäuscht. Betrachtet man den Fall nüchtern, so wird deutlich, dass es hier eine bis ins Detail choreographierte Szene war, und genau das ist auch das Problem. Die Bedingungen wurden von den Spielenden gestellt. Sie hätten die Szene beenden und sie hätten auch einfach weiter machen können. Es ging nicht darum, Geld zu sammeln. Es ging um Provokation auf Kosten des Publikums. Warum ist keiner aufgestanden und hat die Szene beendet? Wir wurden unter Druck gesetzt, uns schuldig zu fühlen. Schuldig für etwas, auf das wir keinen Einfluss hatten.

Während am Anfang direkt die Möglichkeit der Partizipation eröffnet wurde, gab es diese durch das konsequent durchgeplante Schauspiel faktisch nicht. Eine Illusion der Partizipation ging somit voran und wurde an jener Stelle nicht gebrochen. Stattdessen wurde eine fragwürdige Situation konstruiert. Anstatt einen kräftigen Schauspieler zu nehmen, hat man sich entschieden, eine Frau zu schlagen. Eine Assoziation geht durch die Köpfe, eine wehrlose Frau, Frauen schlägt man nicht, und so weiter. Aber neben Panik wird eine sexuelle Konnotation gesetzt. Neben mir wurde ,,Schlagt fester!‘‘ gerufen. So wirkte diese Szene merkwürdig unreflektiert. Die Wirkung verschwindet, denn im Anschluss wurde etwas ,,Lustiges‘‘ gespielt. Tabu.

Foto: Dave Großmann