99 Prozent:
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“99 Prozent” ist ein Stück gegen alles Schlechte und für alles Gute. Wobei, eigentlich nur gegen alles Schlechte. Die neun Schauspieler vom jungen spinaTheater glänzten gestern durch enorme Bühnenpräsenz. Alle konnten spielen, alle konnten sprechen und sich bewegen. Das Handwerk war da und an der Inszenierung war in dieser Hinsicht nicht viel auszusetzen.

Und gerade deshalb war es so jammerschade, dass die Truppe uns überhaupt gar nichts zu sagen hatte. Es war abzusehen, dass man uns nichts “Neues” würde erzählen und vermutlich nicht alle Probleme dieser Welt an einem Abend würde lösen können. Aber sie hätten wenigstens eigene Positionen verteidigen können. Leider hatten sie keine oder nicht den Mut sie zu äußern. Das war politisches Theater, das es sich leicht macht.

Man macht sich unantastbar, indem man kein eigenes Input gibt und vorhandene Formeln skandiert. Destruktiver Zynismus ist mir aber einfach nicht genug. Und glaubhaft ist das auch nicht, wenn sich 16- bis 21-jährige über die Ablösung der D-Mark empören. Das ist ein populistisches Knöpfe-Drücken, das ich den Solingern nicht abkaufe.

Leider muss man sagen: Das war ein grandios inszeniertes Nichts. Man kann sich nicht auf eine Bühne stellen und behaupten, jeder könne jederzeit alles sagen, was er will, wenn das Stück das offensichtlich überhaupt nicht zulässt. Es gab keine Gelegenheit dafür. Ich hätte mir fast gewünscht, jemand wäre mitten in der Tanzeinlage oder während eines Monologes aufgestanden und hätte gesagt “Ich mag aber keine Roggenbrötchen!” oder auch “Was soll denn hier bitteschön diese billige Erpressung?”, einfach um zu sehen, was dann passiert. Hätte man kurz darüber gelacht und dann weitergetanzt? Und die bloße Wiederholung von leeren Parolen ist auch nur die Illusion von Partizipation. Man fühlt sich nicht ernst genommen als Zuschauer. Verwunderlich und erschreckend war auch, dass das Publikum sich so leichtfertig auf alle Spielchen eingelassen und brav mitgemacht hat. Ich will aber nicht mitmachen. Und ich will mir von niemandem irgendwas in den Mund legen lassen.

Foto: Dave Großmann