90/60/90 Rollenscheiß:
Kampf dem Klischee

Die jungen Mädels und Jungs vom Jugendbüro Berlin haben gestern gezeigt, was es heißt, eine Frau mit Migrationsvordergrund in einer deutschen Gesellschaft zu sein.

Das Ensemble von “90/60/90: Rollenscheiß!” hatte gestern Spaß und das hat man gesehen. Sie interessieren sich brennend für das Thema, ihnen ist es wichtig, sich mitzuteilen, Forderungen zu formulieren und ihren ganz persönlichen Zugang zum Thema darzustellen. Ich habe Spaß beim Zuschauen gehabt und das Publikum sowieso. Ihre entwaffnende Ehrlichkeit hat mich umgehauen. Sie wissen mit den Klischees zu spielen, sie zu brechen und deshalb nehme ich auch in Kauf, dass sich hier und da ein paar dramaturgische Fehler eingeschlichen haben.

Nachdem sie frauenfeindliche Klischees vorführen, Gründe für das Einfügen in Geschlechterrollen zeigen und wie Frauen/sie selbst in unterschiedlichen Situationen diskriminiert werden, bringen sie noch einen neuen und spannenden Blickwinkel mit ein. Die Situation im Barbie Dreamhouse spitzt sich längst zum Apltraum zu und nur zwei Spielerinnen werden noch nicht gebrainwasht. Diese beiden stoßen auf die Befreier-Barbie made 1968. Befreier-Barbie stellt für sie den Inbegriff von rassistischem Feminismus dar. Die Befreier-Barbie, die die deutsche Frau als emanzipierte und die Frau mit Migrationsmitgrund als eine noch zu Befreiende betrachtet, stellt Behauptungen wie “Der Islam unterdrückt Frauen” oder “Das Kopftuch ist die Flagge eines faschistischen Islams” auf. Die Argumentation gegen rassistische Feministinnen bekommt viel Raum und führt im Anschluss eine bemerkenswerte These auf die Bühne: “Religion ist nicht gleich Tradition. Die Tradition ist eine Männerherrschaft, von der aber alle Frauen auf der Welt betroffen sind. Der Fehler liegt im System. Wir Frauen müssen uns verbünden.”

Im Anschluss an diese Szene schleicht sich aber leider ein Faux-pas ein. Indem sie das neue Feindbild eingebracht, es aber nicht in einen Kontext gestellt haben, resultiert als abschließende Aussage: “Wir wollen keine blonden, dummen Barbies sein.” Damit gerät ihre anfangs so kritische und kluge Inszenierung in eine Falle und wird selbst fast zum Klischee, denn selbst Befreier-Barbie möchte das nicht.

Die Berlinerinnen und Berliner haben es geschafft, Sexismus nicht als ein singuläres Ereignis in einem sonst funktionierendem Gesellschaftssystem zu zeigen. Sie haben vielmehr die Verknüpfung zwischen Sexismus, Rassismus und Kapitalismus dargestellt. Dass sie dabei ein unscharfes Feindbild zeichnen, scheint uninteressant, wenn auch problematisch. Der Grund hierfür ist meiner Meinung nach ihre Position in unserer Gesellschaft.

Als Frauen mit Migrationsuntergrund sind sie doppelt benachteiligt. Die Ungenauigkeit ihres Feindbildes restultiert aus ihrer gesellschaftlichen Stellung: dass sie sich nicht als Ausländerinnen wahrnehmen, aber dass sie von Außen als Ausländerinnen wahrgenommen werden. Mit dem Thema ihres Stückes nimmt das Ensemble einen postmigrantischen Standpunkt ein. Der Zwiespalt zwischen “nicht mehr Ausländer*in, aber noch kein*e Deutsche*r”, der sich in dieser Perspektive verbirgt, kommt mir zu kurz. Ich gestehe eine Spitzfindigkeit.

Foto: Dave Großmann