90/60/90 Rollenscheiß:
Hol die Axe
aus dem Schrank

…wir fällen das Patriarchat!

„Ich muss furzen!“ Eine klare Ansage: Jeder Metabolismus erzeugt Gase, aber das sollen die Jungs ja nicht erfahren. Das Ensemble präsentiert ihre charmanten Charaktere mit Energie und ihren von Schönheitsstandards negierten Darmwinden.

Die Show-Gürls aus Berlin treten in Barbies Traumhaus ein. Es beginnt ein Trip durch so gut wie alle Problemzonen sexistischer Strukturen. Zuerst sind sie (überaus ironisch) erstaunt von all dem Pink: „Whoa, alles pink – dabei ist das anatomisch gar nicht möglich!“

Die erste Attraktion ist ein Familiensimulator mit Ken: Und, huch!, schon rutschen die Babys in einem Fluss aus der maternalen Babyfabrik: We are born to bear! Ken geht arbeiten und die feste Spirale der Rollen beginnt, sich zu winden. Die Kinder irren im Dunkeln durch all die Jungen-/Mädchenphrasen: “Das ist nicht für dich (…) Du bist doch ein Junge!” Die Erziehung formt die Identität der Kinder durch ihre körperliche Substanz und der Performativität von Genderrollen. Eine Szenerie, die etwas zu kurz kommt.

Nächster Halt: kein Job! Hier versuchen sie die ernste Message noch komödiantisch zu verpacken, es wirkt dennoch technisch ungeschickt eingefügt. Sie wollen jedoch die Message nicht verstecken, sondern einfach raushauen.

Heidi Dumm sorgt für viel Gelächter. Die „Germany’s Next Flop Model“-Passage ist brillant gespielt, aber doch zu lang und verliert sich etwas. Die Berliner_innen halten sich zu lange an der popkulturellen Persiflage auf. „Wir essen nicht, wir kotzen nur!“. Witzig ist es ja.

Werbepause: Auf dem Bildschirm spielt ein Axe-Werbespot, welcher immer gut daran zu erkennen ist, dass Frauen alles tun, um irgendwelche mit Axe vollgesprayten Gurken abzulecken. Diese zutiefst phallogozentrische Perspektive wird mit Vergewaltigungen in eine Reihe gesetzt. Es geht um die Perversität einer Gesellschaft, die Vergewaltigungsopfer Werbung mit fickfertigen Frauen vor die Nase setzt und gleichzeitig das Bild von fickfertigen Frauen inszeniert. Werbung ist eine parallele pornographische Realität.

Sie zeigen uns Szenen von sexuellen Übergriffen. Hier fängt es inszenatorisch an zu schwächeln. Ohne die Komik und Leichtigkeit wirkt das Mittel plötzlich plump, eine dramaturgische Schwäche. Dabei ist die Information, dass jede vierte Frau vergewaltigt wird (und das vor allem im Bekanntenkreis) eine Tatsache, die auch nicht ungeschminkt auf die Bühne kann.

Der Reihe nach werden die Mädels dezimiert und zu Barbies verwandelt, während die deformierte Barbiefresse auf dem Bildschirm über sie wacht. In einem entlegenen Winkel im Nebel finden sie die „Befreier-Barbie“, der Verkörperung von rassistischem Feminismus. Die Gleichsetzung von weißen Anti-Kopftuch-Feministinnen und der Sex-Objekt-Barbie kann kritisch betrachtet werden; einige werden sogar von umgedrehtem Rassismus sprechen, oha! Aber den Scheiß gibt’s nicht. Die Befreier-Barbie ist ein massiver Arschtritt gegen die Auffassung, im Islam sei Frauenmisshandlung fest verankert. Religion und Patriarchat muss unterschieden werden. Der wichtigste Fakt des Tages: Das Patriarchat überspannt die gesamte Menschheit und wir finden es überall. „Ich hab’s euch doch gesagt: kapitalistische, sexistische, rassistische Scheiße!“

Nach dem Stück beschweren sich einige, dass die Männer zu wenig Raum hatten im Stück. Aber um die geht’s doch nicht, ihr Cosmo-Po-Leser.

Foto: Dave Großmann