30 Jahre ttj, 30 Jahre
Jugendtheater-Geschichte.
Mit Barbara T. Pohle.

Dein Festival, Barbara
Sie sitzt auf dem Mäuerchen neben der Treppe zum Festzelt. Gekleidet in Schwarz, die Arme verschränkt, manchmal lässt sie die Beine baumeln. Ihre wachen Augen blinzeln. Nie sitzt sie alleine da. In der Regel ist sie vertieft ins Gespräch mit einem der jugendlichen Gäste oder mit einer ihrer Mitarbeiterinnen. Ab und zu steht sie auf und begrüßt ankommende Gäste. Sie lacht. Ja, meist trifft man sie lachend an und wäre da nicht das unvermeidliche Handyklingeln, würde dieses Lachen wohl über alle Tage andauern. Fordert ein Anruf sie aber in die Leitungs-Rolle, verwandeln sich ihre Züge. Sie sagt, „Pohle?“ – hört zu, entscheidet klar, und verabschiedet sich freundlich. Das Handy verschwindet. Ein neues Lächeln kehrt in ihre Züge zurück und die Aufmerksamkeit für ihren Gesprächspartner.

Festivalmanagerin ist ein cooler Job. Könnte man denken, wenn man sie auf diesem Mäuerchen, im Herzen des Geländes sitzend antrifft. Tatsächlich lässt sich Barbara Pohle während des Festivals nicht mehr aus der Ruhe bringen. Die Jugendprojekte organisiert sie mit aller Energie über 357 Tage im Jahr. Mit dem Beginn des Theatertreffens ist sie für ihre Gäste da. Und ihre Gäste, da ist sie entschieden, sind zu aller erst die Jugendlichen. Denen gilt ihr Respekt und ihr persönliches Interesse. Den VIPs widmet sie ihre Fachkompetenz und ihre höfliche Aufmerksamkeit.

Liebe Barbara, vor dreißig Jahren, als ich noch ein Schultheatertreffen in den Kinderschuhen war, da warst du schon für mich da. Alles war neu und aufregend. Die Achtziger waren Wilde Jahre des Aufbruchs in der Schultheaterszene und alle haben sich in diesen Anfängen über wichtige und grundsätzliche Dinge gestritten. Man glaubte ständig, die Feuerwehr rufen zu müssen. Du hast sie nicht gerufen, Barbara. Damals gab es noch kein Handy. Es musste auch ohne fremde Hilfe gehen. Du hast das ermöglicht.

Die Theaterszene der Jugend gedieh im Land. Hier, „auf dem Platze“, wie du es immer nanntest, wichen meine Festival-Kinderkrankheiten in den Neunzigern, den Nöten der Adoleszenz der jungen deutschen Theaterszene. Plötzlich wurde ich vom Schultheatertreffen zum Theatertreffen der Jungend umkonzipiert und alles war anders, mehr Theatergruppen, – mehr Institutionen und noch mehr Debatten unter einem Dach, und damit in deiner Obhut. Und geändert hat sich alles und nichts. Für dich und für mich. Du warst einfach da und hast dich nicht auf die Glaubenskriege eingelassen. Du beschäftigtest dich mit dem Arrangement des Treffens von jugendlichen Schauspielern. Das Gelingen dieser Begegnungen im Sturm der großen Aufregungen, inmitten von emphatischen Pädagogen und von Kreativität und Körperkraft strotzenden Künstlern, zwischen sparsamen Funktionären und fordernden Initianten. Wie die Juroren wechselten die Theaterstile, die Jury- Vor- und Nachsitzenden. Alle Spitzenleute ihres Fachs. Jede und jeder stand für etwas Eigenes in dieser Kunst und du standest in der Mitte des Geschehens. Neben all den „klaren Standpunkten“ brauchten sie doch alle deine Unterstützung und Gehhilfe auf dem bedeutenden Berliner Parkett. Sicher nicht immer nur ein cooler Job, liebe Barbara, mit so vielen Individualisten zu arbeiten, was?
Die Jugendlichen kamen aus Bayern und Rostock, aus Düsseldorf und „Posemuckel“ und manchmal fragten sie dich, ob sie denn die Musik etwas lauter drehen dürften, oder ob vielleicht ein Handy gefunden worden sei. Und siehe da, sie blieben gleich bei dir sitzen. Und sie blieben uns treu. Denn im nächsten Jahr waren sie wieder da. Doch im Gegensatz zu ihren Theatereltern, die für künstlerische Positionen standen, waren manche von ihnen im neuen Jahr Autorinnen geworden, andere kamen als Musiker wieder, weil sie erst hier „auf dem Platze“, ihren Platz in der Kunst gefunden hatten oder ihre Sprache, oder beides. Oder weil sie bei dir die Erfahrung machen konnten, angekommen zu sein.

Alle, die angespannt kamen, gingen glücklich vom Platze. Nach jeder dieser dreißig Festivalwochen. Die Jugendlichen wurden älter und nach zehn, zwanzig Jahren schickten sie neuerlich ihre Kinder. Schüler, Studenten, junge Erwachsene. Die machten alles neu, die kehren mit eisernen Besen und künstlerisch – revolutionären Ideologien, all den alten Krempel von der Bühne. Emotionale und bewegte Menschen, die jeden und alles bewegen wollten. Dich haben sie nicht erschüttert, liebe Barbara. Wenn man dich gefragt hat, was das alles zu bedeuten habe, hast du oft von dem seismographischen Wert des Theaters der Jugendlichen gesprochen. Wer das sagt, weiß was ein Erdbeben ist. Du kennst den Sturm und weißt, wie man die Wellen reitet. Aber davon erzählst du nicht. Nicht auf der Bühne, nicht in den Gremien und auch auf dem Mäuerchen nur ganz Wenigen.

Eigentlich, liebe Barbara, sitzen wir ja zu zweit hier. Ich, das Theatertreffen der Jugend, zu dem das Bundesministerium einlädt, und du, das „Treffen junger Künstler der Barbara Pole“, dessen Teilnehmer kommen, weil sie einer inneren Stimme vertrauen, weil sie wissen, dass sie willkommen und respektiert sind, ohne ausgewählt zu sein.

Und während sich das Kuratorium im Turmzimmer konzeptuell berät, während die Fachtagung fachsimpelt, die Workshops sich die Stöcke um die Ohren hauen und das Adrenalin in den Blutbahnen der abendlichen Darsteller kocht, sitzen wir beide auf dem Mäuerchen, du, liebe Barbara Pohle und ich, dein Festival, und wir lassen die Beine baumeln und schmunzeln ein wenig und reden mit den Jugendlichen von damals und heute.
Danke und eine schöne Zeit, liebe Barbara Pohle.

Dein Festival