30 Jahre Mauerfall: Das Treffen junge Musik-Szene am 9. November 1989

Es war Nacht, eine kühle Brise wehte durch die leicht verschneiten Straßen. Stille. Kaum etwas los am Bahnhof Zoo, obwohl fast Wochenende war. Die Straßen waren so gut wie leer und die Preisträger*innen des 6. Treffens junge Musik-Szene waren nach dem Abendessen unterwegs, um die Stadt zu erkunden.

Wo heute die Preisträger*innen des 36. Treffens junge Musik-Szene schlafen, spielte sich vor 30 Jahren nur wenige Meter entfernt eine der bedeutsamsten Ereignisse der Bundesrepublik Deutschland ab.

Karte
Quelle: Google Maps

Ilias Botseas: Frau Pohle, als ehemalige Leiterin der Bundeswettbewerbe waren Sie am Abend, an dem die Mauer gefallen ist, beim Treffen junge Musik-Szene dabei und haben das Festival organisiert. Erinnern Sie sich an jenen Abend? 

Barbara Pohle: Selbstverständlich erinnere mich an diesen Abend! Das kann man, glaube ich, auch nicht vergessen. Wenn Sie in Berlin gewohnt haben, das ja damals noch West-Berlin war, haben Sie natürlich mitgekriegt, was passierte. Aber an diesem Abend – das war der Donnerstag Abend vor dem Konzert — war Sound-Check gewesen, das war damals etwas anders gelegt als heute. Nach Kennenlern-Workshops und dem Abendessen waren an diesem Abend nicht mehr viele Leute da. Klar, die konnten auch mal die Stadt gucken oder auch erobern — wir waren damals auf dem ehemaligen Breitscheidplatz, also direkt an der Gedächtniskirche, im ehemaligen Bikinihaus und es war relativ ruhig.

Irgendwann rief dann, so eine Stunde später, die Frau von einem Kollegen an und sagte: „Die machen die Tore auf! Die machen die Tore auf!“ Wenig später rief auch meine Freundin an und erzählte: „Du, im Fernsehen, die haben jetzt gesagt, die machen jetzt die Tore auf und ich habe gesehen, die Leute brechen da jetzt irgendwie durch und freuen sich!“

Wir konnten das nicht verstehen und bizarrer Weise war es auf der Straße, was für die Gegend am Bahnhof Zoo und an der Gedächtniskirche gerade gegen Ende der Woche mehr oder weniger unüblich war, ziemlich ruhig. Fast überhaupt kein Verkehr, und plötzlich standen mein Kollege und ich ganz alleine da am Fenster und wir guckten raus und dachten nur: „Ach du lieber Gott, die Jugendlichen, was wird da jetzt passieren?“, und auf einmal sehen wir Trabis fahren!

Kommen da an. Menschen! Das ging relativ schnell und dann haben wir sofort reagiert und ein bisschen Verpflegung wie Joghurts und Getränke und sowas ganz schnell runter getragen und da in die Toreinfahrt gebaut. Wir dachten nur, das kann doch alles nicht wahr sein! Unsere Jugendlichen kamen auch irgendwann zurück und mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich hatte ja nun keine Vorstellung, was hätte passieren können. Die waren alle ganz aufgeregt und am nächsten Tag war das Konzert; zu der Zeit waren die Preisträger*innenkonzerte noch in dem Jazzkeller im Quasimodo, ein Stückchen weiter vom Bikinihaus, hinter dem Bahnhof-Zoo.

Am nächsten Tag waberten Menschenmassen rum und wir haben ganz viele Plakate aufgehängt und sagten, der Eintritt sei frei. Die Leute sollten kommen und sollten hören! An der Tür oben standen — da ging so eine halbe Treppe runter — die Leute und wir hatten erklärt, was da unten passierte, was das ist und die Leute waren begeistert, kamen runter und rissen die Plakate aus unseren Händen und haben Autogramme von den damaligen Musiker*innen geholt. Es war ein unglaubliches Erlebnis, und ich glaube, wer das miterlebt hat, der hat das nicht mehr vergessen.

Ilias B.: Wie war die Konzertnacht?

Barbara P.: Wir hatten geladene Gäste und Schulklassen und haben da alles reinlaufen lassen, was nur ging — wenn’s einem*einer schlecht geworden wäre, hätte man nicht umfallen können! Die Preisträger*innen fanden das großartig. Irgendwie verschlug’s dann einem*einer auch die Sprache, also ich komme aus Westdeutschland, aus Frankfurt, um genau zu sein, und bin aufgewachsen wie viele meiner Kolleg*innen mit einem geteilten Deutschland. Wenn man keinen Bezug zu Ostdeutschland hatte, also z.B. keine Angehörigen hatte, war das immer so schwierig, sich das vorzustellen, aber wenn man in Berlin studiert hatte, wurde es einem*einer immer ein bisschen klarer.

Ich dachte, die Welt steht auf dem Kopf, das gibt’s gar nicht, das kann gar nicht wahr sein und die Jugendlichen, die halt eben aus Westdeutschland kamen, erlebten das hautnah — ich glaube die Jugendlichen, die damals ausgewählt wurden, haben da sehr viel mitgenommen: Politische Ereignisse, was das bedeutet, wo es sich hin entwickelt. Das konnte man ja da noch nicht sehen, aber die Mauer ist gefallen und man konnte hin- und hergehen. Das war wahnsinnig, als ich das erste mal einfach zu Fuß hingelaufen und dann da rübergegangen bin. Wie muss das erst für Jugendliche gewesen sein? Menschenmassen waren auf diesem Platz dort!

Ilias B.: Das ist wirklich großartig, ich kann es mir gar nicht vorstellen.

Barbara P.: Das können Sie sich auch nicht vorstellen! Das sind pure Emotionen, die man nicht direkt beschreiben kann. Die ausgewählten Teilnehmer*innen haben sich selbstredend auch unterhalten, in diesem Treffen junge Musik-Szene war eine unglaubliche Energie! Und da gab es eine Band, die hat ganz spontan in Null-Komma-Nichts einen Song geschrieben und arrangiert und auf der Bühne im Quasimodo für die Gäste gesungen, die waren außer sich! Was auch toll war: Das hat sich in den Workshops dann niedergeschlagen, beim Songwriting. Es wurde sehr emotional darauf reagiert. Es war kein normales TjM wie sonst, der geregelte Ablauf mit Workshops und Programm, das flog uns alles um die Ohren! Unsere Teilnehmer*innen wollten da mitten rein in die Straßen, das war auch gut so! Sie kamen immer wieder und es war ein Hin und Her, die Workshops fanden „fliegend“-„fließend“ statt.

Das Zeitgefühl setzte aus.

Politik wurde wirklich erlebt: wie nach langer Zeit und mit Vorgeschichte des Faschismus, die Teilung war ja schließlich die Folge dessen, dann so einfach wieder – nicht einfach…. Sie merken, es fällt mir schwer, die richtigen Worte zu finden, wenn ich mich da jetzt so daran erinnere, und wenn ich so sehe, nach 30 Jahren, dann, wenn dann heute diese Feier am Brandenburger Tor abgehalten wird-

…gehen die Leute eigentlich da hin?

Ilias B.: Wie, wer? Da hin?

Barbara P.: Na, da wird eine große Feier abgehalten, gehen die Teilnehmenden da hin?

Ilias P.: Oh, ich glaube das steht nicht im Programm.

Barbara P. (lacht): Sehen Sie, damals haben sie uns nicht gefragt, was im Programm steht! Die sind einfach losgegangen. Aber das war natürlich damals auch ein Wahnsinnsereignis.

Ilias B.: Ich bin ja nach dem Mauerfall geboren und das ist etwas, das hört man immer wieder, lässt es sich erzählen, liest Berichte, schaut Dokumentationen – und der Abend wirkt magisch, aber nachempfinden, das ist wahrlich für mich nicht möglich!

Barbara P.: Ja klar, das kann man nicht. Also, ich kann definitiv einiges auch nicht nachempfinden, wo ich dachte, was müssen die Menschen gedacht haben, die sich nach Jahrzehnten endlich wiedersehen konnten? Die über Jahre hinweg getrennt waren, Familienangehörige, die sich wiedergesehen haben! Das kann man nicht nachempfinden, man kann nur an der Freude teilhaben. 

Und bei alle dem, den 30 Jahren, 9. November, Fall der Mauer, sollte man aber auch nicht vergessen, den 9. November 1938 mit zu bedenken. Man soll jene Nacht mit bedenken und nicht auf Grund der großen Freude, dass Deutschland wieder vereinigt ist, einfach unterm Tisch fallen lassen.

Ilias B.: Vielen Dank für das Gespräch!

Barbara P.: Sehr gerne.