2+x Welten:
Reclaim Your Münster

Ein Wahn war das ja, wie das dreizehnköpfige Tanz -und Spiel, Slapstick -und Rap-Ensemble von „2+X Welten“ gestern über die Bühne wirbelte, sich wahrhaft in Rausch spielte. Im beschaulichen Münster wohnend und aus den unterschiedlichsten Ländern des afrikanischen Kontinents stammend, gaben die Spieler einen bunten Reigen von Heimatlosigkeit und Heimatfinden, von zwischen den Welten stehen. Von in mindestens zwei Welten beheimatet zu sein und dann ja aber noch das X zu haben. Was dazwischen steht und was darüber hinaus geht, was Neues schafft, eine Zwischenidentität formt. Im Zwischenraum ist alles möglich und alles verboten. Im fernen Afrika sehen wir Deutschland als abstrakte Idee ewiger Glückseligkeit, iPhones gäbe es da, die neuen Nikes, Geld, Luxus, überhaupt: Wer es einmal nach Deutschland schaffte, der bräuchte sich ja eh um nichts mehr zu kümmern. Und wir sehen die deutsche Realität von Mobbing und Diskriminierung, Othering, harter Arbeit am Existenzminimum. Das Ensemble offenbart uns ihre Formen, sich in die Nischen zu drücken, und eine Verbindung im Kopf zu schaffen, zwischen dem, was da war, dem, was kommen wird und dem, wo man selbst gern hin möchte. Wir sehen: afrikanisches Essen in Münsteraner Küche, Telefonate nach Hause, Geldsorgen, Verliebtsein, Jungsein.

Diese Jungs sind echte Kraftpakte. Was da passiert, auf nahezu leerer Bühne, nur bespielt von variablen Bühnenelementen (mal als Sitzgelegenheit, Schulbank, als Wand), ist von höchster Spielfreude. Die jungen Männer treiben Jungsscherze, stellen Frauen nach, prügeln- und vertragen sich. Schnelle Szenen -und Ortswechsel, die Spieler springen, im Wortsinn, von Ebene zu Ebene. Eine echte Gang ist da zu sehen, im Stück selbst, wo sie ihren Zusammenhalt über den der eigenen Familie heben, und auch unter den Darstellern. Aufbrandende Ensemblearbeit. Sie spielen das alles so fein und wach, dass es eine Freude ist. Da wird gefeixt und gelacht, da werden die spielerischen Machogesten ausgepackt. Immer aber, wenn man das Gefühl bekommt, da bekommen sie inhaltlich die Kurve nicht, da wird’s Klischee, etwa im Erzählen von den eigenen Träumen, von Selbstverwirklichung, wird das Geschehen klug gebrochen und ironisiert. Alles ist Spiel, ist Sich-Beweisen, alles nicht so ernst zu nehmen. Musikalisch ist und war das natürlich eh alles erste Sahne. Die hitgewordene Münsterhymne „My City“, der Einstiegsrap und wunderbar a cappella Gesungenes.

Ein kleiner Wehmutstropfen jedoch bleibt: Gern hätte man mehr von den einzelnen Figuren erfahren, mehr Unerwartetes, mehr Konkretes. Auch die doppelt besungene Stadt, Münster, war nicht wirklich präsent in den Erzählungen. Schade! Viele Episoden wurden zudem schnell fallen gelassen – bestimmt hätten sie weitergezeichnet werden können, um mehr Greifbarkeit zu erzeugen. So bleibt das beeindruckende, das umwerfende Spiel. Nur ein Nachhall will sich nicht wirklich einstellen. Doch trotz der (kleinen, wirklich kleinen) Kritik: Was wir bei „2+X Welten“ erlebten, ist ein so ehrliches Spiel, so grundsympathisch, so warm und so kraftvoll und mitreißend,so unprätentiös, dass man nur applaudieren kann. Dass dann die Bühne gestürmt wurde, ist ja nur passend. Reclaim everything.

Foto: Dave Großmann