2+x Welten:
Der neue Black Spiderman

Leben ist Bewegung. Bewegung zwischen Kontinenten, zwischen Konzepten, zwischen Vorurteilen. Cactus Junges Theater erzählt uns eigene Geschichten – mit einer authentischen Stimme und authentischen Performances. Ästhetisch und mitreißend.

Die Sprache der Jugendlichen ist von atemberaubender Klarheit und Ehrlichkeit. Auch wenn zu Beginn des Stücks von irgendwoher der Kommentar kommt, »Ich verstehe nicht, was der sagt«, dann ist das eine anfängliche Einstellung, ein notwendiges Sich-Auseinandersetzen. Man darf es sich nicht gemütlich machen, wenn man Menschen verstehen möchte. Man darf sich aber auf sie einlassen, um sie und am Ende sich selbst besser zu begreifen.

So sind auch die Träume, die geträumt werden, allen bekannt: Den eigenen Namen in die Geschichte Berlins einschreiben. Frauen kennenlernen. Den Ansprüchen der Familie gerecht werden. Der neue Black Spiderman sein.

Wenn diese Träume wanken, tut es gut, dass man sich auf seine Freunde verlassen kann, auf Menschen, die Witze und Streit so verstehen, wie sie intendiert sind. Und trotz dieser tiefen Verbundenheit zueinander gelingt es den Jungs, uns das komplexe Spannungsfeld aufzuzeigen: Nicht nur in Deutschland werden sie mit vereinfachenden Vorstellungen über Afrika konfrontiert, auch in Afrika hegt man naive Vorstellungen über das Leben in Deutschland. Da sind beispielsweise die frequenten Telefonate, die immer das Gefühl verstärken, der in Afrika gebliebenen Familie in Bringschuld zu stehen: Die Freunde wünschen sich Nike Airs und neue iPods, die Verwandten fordern regelmäßig runde Geldsummen, Halb-Bekannte formulieren absurde Bitten. Das erzeugt psychischen Stress, denn zu der räumlichen Isolation kommt nun auch eine kulturelle hinzu: Der in Deutschland finanziell an der Grenze Lebende wird ungerechterweise als »egoistischer Westler« beschimpft. Hinzu kommt der Leistungsdruck: Diejenigen, die Auslöser dafür waren, dass die Jugendlichen inmitten der Pubertät den Kontinent wechselten, haben eigene Schwierigkeiten in Kauf genommen, um ihnen diese einmalige Chance zu bieten. Meist sind es die Eltern, die Sätze sagen, wie »Ich hab dich nicht umsonst hierher gebracht«, »Du bist hierher gekommen, um zu lernen« und »Ich möchte nicht, dass du ein besseres Leben führst als ich es tue«.

Das alles ist ein Kampf. Es wird nichts geschenkt. Kämpfen bedeutet, einfach weitermachen, sich auf den Armen abgestützt über den Boden voranbewegen, wenn die Beine wie mit unsichtbaren Fesseln verbunden sind oder an ihnen ein unsichtbares Gewicht hängt. Was ein solches Gewicht sein könnte, mag nicht erahnt werden: Dass die Jugendlichen ihren Eltern bei deren Arbeit helfen, dass es ein ständiges Abwägen ist, was einen weiterbring. Die Zukunft ist das wertvollste Gut.

Mit Verzicht auf elaborierte Phrasen wird im Tanz Schmerz und Melancholie anrührend verarbeitet. Dabei gelingt es der Eigenproduktion, die immer wieder erarbeitete, lebensbejahende Grundeinstellung glaubwürdig zu vermitteln. Das geschieht mit viel Humor: So kocht einer seinen Freunden Fufu, um gemeinsam über gutes Essen zu schwärmen. Wenn wir am Ende hören, »Mein Land ist eine Musik / Nicht einmal Gott wird verhindern, dass ich ihr lausche«, dann ist das kein Kitsch und kein harmonisierendes Ende, sondern Ausdruck der Stärke, eigene Probleme zu relativieren und mit ihnen umzugehen. Diese Kraft steckt an. So sehr, dass die vierte Wand des Theaters, welche Schauspieler und Publikum voneinander trennt, vollständig zusammenbricht. Zu »My city«, dem auch außerhalb des Theaters populären Song, tanzen junge Menschen miteinander auf der Bühne und schließlich von der Bühne hinunter in das Nachtleben. Das vollendete Theater ist vermutlich das eigentliche Leben.

Foto: Dave Großmann