„#2 Von der Schönheit und
Seltsamkeit des Anlehnens“:
Über Requisite

Das gestrige Stück hatte viele Stärken. Allen voran die Auswahl der Requisite: ein Sofa.

Anfangs spielte der Autor noch mit dem Gedanken, wie das Stück wohl ausgesehen hätte, wenn sich die Darsteller*innen um eine Kloschüssel geräkelt hätten, musste den Gedanken jedoch verwerfen. Die Toilette hätte assoziativ nicht gepasst. Sie ist ein einsamer Ort, an dem einsame Geschäfte erledigt werden. Ein Bett hätte den sexuellen Bezug über den freundschaftlichen gestellt und für ein Ungleichgewicht gesorgt.

Requisiten erhalten erst einen Sinn, wenn sie unersetzbar sind. Betrachtete Hamlet die Hand seines verstorbenen Vaters, veränderte sich die komplette Dynamik des Stückes. Wenn beim „Gott des Gemetzels“ das Erbrochene mit Zewa aufgewischt und nicht weggefönt würde, fehlte der nervtötende Sound und damit ein wichtiges humoristisches Element.

Auf einem Sofa kann so viel passieren: Der erste (oder letzte) Kuss, Fernsehabend mit Freunden, Lesesession an verregnetem Sonntag (darf auch gern ein sonniger Sonntag sein). Bei einer Bekannten des Autors sollte ein dunkler Fleck auf dem Familiensofa angeblich Überbleibsel einer spontanen Niederkunft sein.

Ohne das Sofa hätte das gestrige Stück nicht so gut funktioniert. Es schuf einen thematischen Rahmen, den das Ensemble gekonnt bespielte.

Das gesprochene Wort kann ebenfalls als Requisite im Stück #2 Von der Schönheit und Seltsamkeit des Anlehnens verstanden werden. Die Skepsis des Autors gegenüber Text im Tanztheater konnte leider nicht restlos zerstreut werden. Die Aufforderung „wirken lassen“ anfangs noch sehr stark. Weil es nicht nur als Gag verstanden werden kann, sondern auch als Anweisung ans Publikum, zu begreifen, was auf es zukommt, als wegweisend für den Rest des Stückes. Genauso öffnen die Improvisationsvorlagen „Feierabendposition“, „nichts tun“, „frei sein“, „Fußball gucken“, „kuscheln“ den Raum physisch für die Schauspieler*innen und gedanklich für den/die Zuschauer*in. Man erkennt Momente aus dem Leben mit der eigenen Couch wieder, hat fast das Gefühl, ein Fotoalbum aus dem Wohnzimmer zu betrachten.

Schwierig wird es, als gegen Ende des Stücks die konkreten Textpassagen den vagen weichen. Es fallen große Worte wie „Freiheit“, „Chaos“, „Wir“, „Moment“. Es wäre ungerecht, diese Begriffe als austauschbar zu bezeichnen, da sie einen klaren Bezug zum Inhalt des Gesehenen aufweisen. Es fehlt ihnen jedoch die Einschlagskraft der ersten Szenen, da sie den Kosmos Sofa verlassen und das Publikum auf interpretatorische Ebenen locken wollen, die durch den Tanz bereits gegeben waren.


Titelbild: Dave Großmann