Interview:
„Innere Grenzen
verschwinden lassen.“

Vertreter der Blogredaktion trafen sich mit Nathalie, Lara und Miguel vom Tanzlabor Theater Aachen auf einer halb verschimmelten, regenfeuchten Bank, um über das Stück Face2Face zu sprechen.

Redaktion: Es ist kalt, nass, windig. Wie wichtig ist euch Gemütlichkeit?
Lara: Mir ist Gemütlichkeit sehr wichtig. Nicht unbedingt so ein faule Gemütlichkeit, sondern eine schöne Atmosphäre  mit allem drum und dran.
Nathalie: Wenn es ungemütlich ist dann mache ich es mir halt gemütlich

Wie hast du es dir nach den ersten Wahlprognosen am Sonntag  gemütlich gemacht?
Nathalie: Mir war bewusst dass die AfD viele Stimmen bekommen würde. Aber ich war schockiert, weil Deutschland mein Heimatland ist. Es hat mich auch schockiert, dass einige aus meinem Umfeld diese Partei gewählt haben, obwohl die AFD Menschen wie mir schadet. Das ist ein schreckliches Gefühl.


 


Politisch aufgeladen wirkte auf uns die Szene, in der du und eine Mittänzerin vor zwei Leinwänden sitzt und Schwierigkeiten habt, euch aufeinander einzulassen, es aber schließlich zu einer Zusammenkunft kommt.
Nathalie: Die Szene war inspiriert von einem realen Ereignis. Unsere Begegnung als Unbekannte, wie wir uns dabei gefühlt haben, haben wir vertanzt. Heute sind wir beste Freundinnen, Schwestern.
Lara: Das Stück wirkt an vielen Stellen sehr politisch, auch wenn es gar nicht so gewollt ist, allein dadurch dass wir eben so verschieden sind. Ich denke, unsere Kernbotschaft ist das aufeinander Zugehen, Kennenlernen und Schätzenlernen und Vertrauen, etwas Gemeinsames zu schaffen. Jeder ist komplett anders und kommt aus einer anderen Ecke, wir wohnen aber alle zusammen in Aachen und das ist, was uns verbindet. Deshalb war auch eine der ersten Aufgaben in der Erarbeitung: „Was sind eure Lieblingsplätze, wo fühlt ihr euch zuhause, wo begegnet ihr anderen,  was machen diese Plätze für euch aus, und was ist besonders daran“.

Es steht im Programm, der Elisenbrunnen in Aachen sei für euch besonders.
Lara:  Ja genau, der Elisenbrunnen ist eigentlich das Herz der Stadt. Wenn man in Aachen ist, kommt man nicht wirklich dran vorbei, deswegen war dieser Ort für uns alle ausschlaggebend.

Habt ihr schon einen Lieblingsort beim Tanztreffen?
Nathalie: Das Dach vom Aletto!
Miguel: Abends kann man da immer schön sitzen. Wir haben dann einen gemeinsamen Kreis gebildet mit den Multitalenten, die singen und Gitarre spielen können,
Nathalie: Und der Backstage Bereich im Keller!
Miguel: Da haben wir gestern ein Musikvideo gedreht.
Nathalie:  Ich wollte noch kurz etwas zur politischen Botschaft sagen. Wir wollten im Stück unsere eigenen Geschichten erzählen. Und innere Grenzen verschwinden lassen, bevor wir auf die Bühne gehen, um dort das Gefühl von Familie zu erleben.



Wo zeigt sich in der Familie das Individuum?
Nathalie: Einmal durch das Kostüm: jede*r durfte sich aussuchen was sie/er tragen möchte.

Die Kostüme waren alle weiß.
Lara: Ja wir tragen weiß, aber jeder hat seinen eigenen Stil. Wie die T-Shirts geschnitten sind zum Beispiel. Trotz des eigenen Stils steht man, durch die einheitliche Farbe, in einer Beziehung zu den anderen.  Und ich glaube neben den Kostümen, haben auch die verschiedenen Bewegungsstile die Individuen aufgezeigt. Auch dadurch, dass das Konzept relativ frei ist, haben wir den Freiraum, unsere persönliche Bewegungssprache zu entwickeln und zum Ausdruck zu bringen.

Warum habt ihr euch denn gegenseitig und eure Lieblingsorte fotografiert?
Lara: Es gab Aufgabenstellungen wie „schaue andere an“ oder „mach anderen Komplimente. Wir sollten die Ergebnisse dann in Portraits umsetzen.

Ihr habt euch die Musik selber ausgesucht. War es schwierig, die verschiedenen Genres zusammenzubringen?
Nathalie: Nein. Wenn wir zum Beispiel eine kraftvollere Szene hatten, war klar, dass wir auch kraftvolle Musik brauchen. Dann durfte jeder seine Musik in eine gemeinsame Dropbox einsenden. Die Tänzer*innen durften sich dann aussuchen, bei welchem Lied sie sich wohlfühlen und auf welches sie tanzen wollen.

Welche Bedeutung hat Stille für euch?
Miguel:  Nach dem Moment im Stück als wir nach einer Krise auf den Boden fallen und wie Steine oder Tote liegen bleiben, herrscht Stille. Da hört man nur sehr laut das gemeinsame Atmen. Man merkt, wir haben alles gegeben. Diese Stille zeigt auch, dass wir verbunden sind und die Musik einfach nur unser Begleiter ist. Die Story, die wir erzählen, steht tänzerisch für sich.

In der Jurybegründung heißt es, dass euer Stück eine Suche sei.
Nathalie: Genau, eine Suche nach Zusammenhalt, Frieden und Gemeinschaft. Alleine ist man nicht so stark wie in einer Gruppe. Aber auch in Gruppen, beispielsweise in der Schule stößt man auf Grenzen, auch auf der Arbeit trifft man Personen, die mit einem nicht richtig fitten. Wir suchten nach einer Gemeinschaft, in der man sein kann wer man ist und wo man ausstrahlen kann, wie man ist.

Graupelschauer treiben uns nach drinnen, ins Trockene, auf die Sitzkissen. Hier ist es gemütlicher.