100 Ideen oder gar keine

Das Performance-Phantom ist überall

Wir sprechen hier ja viel, wir diskutieren, wir suchen Wörter, um Wörter und ihre Wirkung zu beschreiben. Dabei einigen wir uns auf Begriffe, die scheinbar alle gleich verstehen, die aber abstrakt oder seltsam sein können oder unterschiedlich definiert. Ich bin mit einer Liste solcher Begriffe durch das Festspielhaus gewandert und habe darüber diskutiert, was sie bedeuten könnten.

 

Heute: Performance

Mit: Victor Schlothauer

Preisträger

 

Victor und ich haben auch keine Antwort. Was eine Performance ist, ändert sich dauernd, auch weil das Wort so viel verwendet wird. Wir gehören, wie Victor sagt, „zu dieser verseuchten Generation von Geisteswissenschaftler*innen“, die überall Performance sehen oder Performativität oder andere, mit noch mehr Nachsilben abstrahisitisitierte Begriffe.

Hier auf dem TjA heißt Performance am Freitagabend zur Preisträger*innenlesung oft ganz konkret: Wohin mit den Händen, wenn ich meine Texte auf der Bühne lese? Spreche ich zu leise? Warum kann ich ein Wort nicht mehr wegstreichen oder irgendwo anders hinschieben, wenn ich es ausgesprochen habe? Und sage ich am Anfang hallo?

Die ideale Lesung, sagt Victor, ermöglicht, noch besser zu verstehen, aus welchem Bewusstsein der Text kommt. Ich kann im Publikum mit der lesenden Person mitfühlen, und ich sehe, wann sie ins Publikum schaut und höre, wann die Stimme wie viel Kraft hat. Text und Autorin verschmelzen hier also anscheinend, in der Performance und ein Bewusstsein wird erkennbar. Aber was heißt das denn dann für mich, wenn ich vorlese und mich oder mein Bewusstsein zu erkennen gebe?

Man gibt ja viel mehr Informationen auf einer Bühne: Wie man sich anzieht, wie man auftritt, wie man spricht, an welcher Stelle kurz der Atem stockt. Hat er während der Lesung am Freitag darüber nachgedacht, wie er wahrgenommen wird? Nein, sagt Victor, die Eindrücke, bei 100 Leuten haben sowieso alle eine andere Idee oder gar keine – dann lohnt es sich nicht, sich darum Sorgen zu machen. Ich bin zuerst ein bisschen überrascht. Aber das Gleiche gilt zwar auch für die Texte selbst, wenn die 100 Leute sie nur lesen würden. Nur kann ich noch live auf das Publikum reagieren, wenn ich auftrete. Ich sehe sie beim Reagieren.

Also ist ein Publikum nötig für eine Performance? Auch nicht unbedingt. Gedichte, sagt Victor, wollen oft gelesen werden, er liest sich auch Gedichte von anderen vor. Also ist es eine Performance, wenn ich einen gedruckten Text in Zusammenhang mit Raum und Klang bringe? Aber warum ist es dann keine Performance, wenn ich mir den Klang nur vorstelle? Ist Lesen eine Performance?  Victor hat Recht. Ich sehe auch schon überall Performances.