10 Gründe, heute Abend nicht zu lesen (und warum ihr es trotzdem tun solltet)

Sie sitzen vor euch. Sie pulen sich bei jedem Versprecher mit einem angewiderten Gesicht Thunfischreste aus den Zahnzwischenräumen. Sie haben ihren Bekannten verschwiegen, dass sie heute Abend zu dieser peinlichen Jungautor*innenlesung in Berlin-Wilmersdorf gehen und sich mit einem Vincent Weiss-Konzert entschuldigt. Sie finden, dass sechs Euro für das üppige Buffet mit Freisekt voll klar gehen und man dafür die prätentiösen Selbstbespiegelungen dieser Pseudo-Fitzeks und Möchtegern-Moyes schon irgendwie durchsteht. Sie haben fünfmal Wilhelm Meister gelesen. Zweimal davon rückwärts, in ihren vorgewärmten Ersteklassebahncomfortplätzen auf der Heimfahrt von der letzten Kurator*innenkonferenz in München. Und sie finden, dass ihr nie so LIT über die feudale upper class des 18. Jahrhunderts schreiben werdet wie dieser Johann Wolfgang. Das gab es doch alles schon. Echt jetzt.

Heute Abend findet in der Seitenbühne des Hauses der Berliner Festspiele die Lesung der Preisträger*innen des 33. Treffens junger Autor*innen statt.

Wir haben eure Texte zu den zehn Gründen befragt, warum ihr heute Abend (nicht) lesen solltet.

  1. „Gott verzeiht allen, habe er gesagt./Gott verzeiht allen.“ – Wir euch auch. Alles. Außer Nichterscheinen.
  2. „Mein Gehirn ist selbst voller Wasser, eine Waschmaschine, alles wird herumgewirbelt, aber nichts sauberer, nur alles gerät durcheinander und am Ende sehe ich mich nur noch mit den Händen an den Ohren auf den kalten blauen Fliesen.“ – Durchatmen und immer langsam, die Großbuchstaben zuerst und so gechillt, als würdest du vor einer schnarchende Siamkatze lesen.
  3. „Der Himmel macht Schluckauf“ – es gibt auch stilles Wasser an der Bar und zur Not mehrere Toilettenschüsseln (wenn die nicht gerade durch ausgeflippte Interviewformate belegt sind).
  4. Ich hätte dich gerne noch auf Abendveranstaltungen geliebt, auf denen ich dich den ganzen Abend nur von weit weg sehe […] Ich hätte deinen suchenden Blick bei Lesungen gerne noch ein paar Mal aufgefangen.“ – Zu Letzterem: Touché, man sieht null vom Publikum, wenn man auf der Bühne steht. Niente. Nichts zu machen. Zu Ersterem: An nichts anderes dachte Fritz Bornemann, als er vor über fünfzig Jahren dieses wunderbar verwinkelte Festspielhaus entworfen hat. Wusstet ihr, dass es unter Platz fünfundfünfzig eine Falltür zu einem Geheimversteck gibt?
  5. „manch einer deiner sätze ist so schön,/ ich kann nicht anders, als zum dieb zu werden“ – Für alle Gesetzestreuen: Im Frühjahr 2019 erscheint die Anthologie mit allen Texten der Preisträger*innen.
  6. „Als mein Nachname ertönt, trete ich langsam an die Linie. Gleich ist es soweit. In mir Unruhe.“ – Es gibt keinen Startschuss, aber am Ende wart ihr hoffentlich nicht die Schnellsten.
  7. „Ich bin keine gute Erzählerin. Aber eines Tages möchte ich eine sein, bevor ich alt werde.“ – Eigenlob stinkt. Bescheidenheit riecht fischig, mit einem Hauch Wassernixe. Ihr wärt nicht die ersten TjA-Preisträger*innen, denen nach dem heutigen Abend eine dufte Karriere bevorsteht. Und wenn nicht, könnt ihr nächstes Jahr immerhin bloggen.
  8. „Die Klinik, Berlin, der Tod – das war alles gleich weit weg.“ – da Erstere und Letztere keine lohnenswerten Optionen sind, hier nochmal die Adresse: Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, 10719 Berlin
  9. „Wie lange noch, wie lange noch, so geht das Echo durch meine Adern.“ – Wir warten bis alle aufgelesen haben!
  10. „Ich dachte, vielleicht kommt er deswegen nicht rein. Aus Ekel. Ich dachte, vielleicht ist er ein ganz sauberer, ein Neurotiker mit Waschzwang.“ – die Toiletten findet ihr in der Kassenhalle, rechts neben dem Kaffeespender. Kostenlos, versteht sich.